Familie Silber, Mühltalstraße 5, Seeheim

Die Vorfahren der jüdischen Familie Feitler, aus der Cäcilie Silber (geb. Feitler) hervorging, lebten bereits seit dem 18. Jahrhundert in Seeheim und wurden auf dem Judenfriedhof in Alsbach bestattet.1

Familie Silber 1Nachweislich gehörte das Haus in der heutigen Darmstädter Straße 1 bereits von 1757 bis 1906 dieser jüdischen Familie. Wie für die meisten jüdischen Bürger, ergab sich auch für die Vorfahren von Cäcilie Silber zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Namensänderung:
Nachdem in Folge der Säkularisierung nicht mehr die Kirchen, sondern die Standesämter der weltlichen Gemeindeverwaltungen Geburten, Hochzeiten und Todesfälle registrierten, mussten auch die Juden einen Familiennamen tragen: Die Familie einigte sich 1823 auf den Namen Feitler.2

Familie Silber 2Als eines von 9 Kindern wurde Cäcilies Vater Moses 1821 in der Darmstädterstraße 1 in Seeheim geboren.3 Der Ortsbürger Moses Feitler (1821-1898) wurde Eisenhändler.4 Seine erste Ehe mit Gustine Bendheim (Ehevertrag vom 30.3.1854) blieb kinderlos.5 Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete der inzwischen über Sechzigjährige (Ehevertrag vom 25.1.1887)6 seine fast 40 Jahre jüngere Nichte Fanny Feitler (1860-1929), die ihm 5 Kinder schenkte.

Familie Silber 3Am 5.12.1891 kam Cäcilie als drittes Kind von Fanny und Moses Feitler zur Welt, nachdem die Eheleute ihr zweites Kind (Moses) bereits in dessen erstem Lebensjahr verloren hatten. Am 22. Juni 1898 wurde Cäcilies jüngere Schwester Zerline (Lilly) geboren, die später die Rettung Cäcilies ermöglichen wird. Die Familie Moses und Fanny Feitler lebte in Seeheim in der Bergstraße 5.7 Über die Kinder- und Jugendjahre der Cäcilie Feitler haben wir fast keine Informationen. Cäcilie und Zerline Feitler waren in Seeheim als ‚Zille‘ und ‚Lilly‘ bekannt. Lilly wurde in Frankfurt zur Kindergärtnerin ausgebildet und bekam eine Stelle als Kinderschwester in der reichen Familie Gomery.8 Am 6. Oktober 1919 meldete sie sich aus Seeheim ab und zog nach Neu-Isenburg.9 Später wanderte sie in die USA aus und heiratete dort Julius Jordan aus Dinkelsbühl.

Als nach der Machtübernahme durch die Nazis das Leben für jüdische Bürger in Deutschland immer unerträglicher wurde, half sie unermüdlich ihren Seeheimer Familienangehörigen bei der Flucht. Cäcilie Feitler heiratete den sechs Jahre älteren, in Straßburg geborenen Maurer David Silber und bekam mit ihm die Kinder Gertrud (Gerdi, geb. 19. Mai 1914) und Manfred (geb. 27. Juni 1916).10

Familie Silber 4Die Ehe verlief unglücklich. Aus dem Anmelderegister der Gemeinde Seeheim ergibt sich, dass David Silber mehrfach seinen Wohnort wechselte (Gustavsburg (1912), Karlsruhe (1914), Darmstadt (1916,1918).11 Offenbar verließ David Silber seine junge Ehefrau und seine beiden kleinen Kinder relativ früh. Cäcilie Silber war nun auf sich alleine gestellt und musste die Kinder ohne Ehemann durchbringen.12 Sie lebte gemeinsam mit ihrer Mutter Fanny und den beiden Kindern in der Mühltalstraße 5.13

Familie Silber 5Familie Silber 6Ihre beiden Kinder schickte Cäcilie Silber in den benachbarten evangelischen Kindergarten. (Der kleine Manfred sitzt in der ersten, seine Schwester Gerdi in der dritten Reihe.)14

Die alten Seeheimer erinnern sich noch an die ‚Zille‘. Sie war eine fürsorgliche, fleißige Frau, die äußerst hart arbeiten musste.15 Zwölf Jahre lang war sie als Hilfe im Seeheimer Hotel Hufnagel eingestellt. Sie verdiente etwa 18 Mark in der Woche und durfte im Hotel essen. Als die Nazis an die Macht kamen, verlor Cäcilie Silber sofort ihren Arbeitsplatz: Im Hotel Hufnagel verkehrten Parteimitglieder und der damalige Besitzer Albrecht Suhrcke wurde von den Nazis gezwungen, die Jüdin zu entlassen. Für Cäcilie Silber war dies ein harter Schlag, denn es war für sie aussichtslos, auf eine andere Arbeitsstelle zu hoffen. Von 1933 bis 1936 hatte sie kein Einkommen und war völlig mittellos. Ihre beiden Kinder konnte sie nicht unterstützen: Tochter Gerdi musste sich gleich nach ihrer Schulentlassung als Hausmädchen durchschlagen und arbeitete in Gedern, Kaiserslautern und Groß-Gerau. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann Siegfried Goldberger kennen.17

Sohn Manfred meldete sich schon als Vierzehnjähriger am 6. Mai 1930 in Seeheim ab,18 um bei der Metzgerei Will in Darmstadt in die Lehre zu gehen. Nach seiner Lehrzeit erfolgte am 16. September 1933 eine weitere Abmeldung: Der Metzger Manfred Silber musste sich wohl auf Reisen durchschlagen und meldete sich am 24.2.1934 nach Fürth,19 vermutlich, um dort zu arbeiten.

Familie Silber 7Seine Mutter Cäcilie blieb in Seeheim. Bereits 1936 wurde sie – wie alle anderen Juden – unter Polizeiaufsicht gestellt.20 Hilfe erhielt sie zunächst von Georg Roßmann (1888-1945), der von 1925-1935 Bürgermeister in Seeheim war.21 Georg Roßmann war kein Anhänger der Nationalsozialisten. Er kannte die Notlage der Cäcilie Silber und unterstützte sie mit 5 RM pro Woche. Roßmann, dessen angesehene Familie seit 1749 in Seeheim lebte,22 half vielen in Not geratenen Menschen. 1935 wurde er aus seinem Bürgermeisteramt entlassen.23

Ihre Rettung verdankt Cäcilie Silber jedoch vor allem ihrer Schwester Lilly. Sie sorgte von Amerika aus dafür, dass Cäcilie gemeinsam mit ihrer Tochter Gerdi in die USA fliehen konnten. Das war alles andere als einfach: Das amerikanische Konsulat bestand auf der Vorlage einer Bürgschaft. Der Bürge musste sich verpflichten, für die Flüchtlinge aufzukommen. Keinesfalls durften die Einwanderer dem Staat zur Last fallen. Lilly Jordan erreichte, dass der 1893 in Seeheim (Darmstädter Straße 1) geborene und seit 1914 in den USA lebende Hermann Feitler das erhebliche Risiko der Bürgschaft übernahm.24 Am 6. Januar 1936 konnte sich zuerst Gerdi Silber und später – am 27. Februar 1936 – auch Cäcilie Silber aus Seeheim abmelden. Nachdem das ersehnte Visum vorlag, emigrierten Cäcilie und Gerdi Silber im Juli 1936 mit dem Schiff Manhattan von Hamburg aus in die USA. Ein Postkartengruß, den die beiden vom Schiff aus an die Familie Hufnagel nach Seeheim schickte, ist erhalten. Unmöglich konnte die verarmte Mutter die Fahrkosten von 150 Dollar für sich und Gerdi aufbringen. Das Geld wurde ihr aus Amerika vorgestreckt. Um ihre Schulden zurückzahlen zu können, nahm Cäcilie Silber in New York eine Stelle als Putzfrau an.25

Familie Silber 8Dass die Situation der jüdischen Einwanderer in den USA zunächst durchaus schwierig war, berichtet der Schwiegersohn von Cäcilie Silber, der seinen Plan, nach Palästina auszuwandern, aufgab und 1937 zu seiner Verlobten Gerdi in die USA reiste: Es herrschte hohe Arbeitslosigkeit und Inflation. Als die USA in den Krieg gegen Deutschland eintrat, waren die Migranten nicht als Juden sondern als Ausländer mit feindlicher Nationalität klassifiziert. Sie benötigten Personalausweise mit Fingerabdrücken, man nahm ihnen die Radios ab und sie durften nur im Umkreis von 20 km reisen.26 Die Familien hatten auch in Amerika einen sehr schweren Stand.

Wie bei vielen anderen emigrierten Juden stellten sich auch bei Cäcilie Silber im Exil gesundheitliche Probleme ein. Sie konnte nur noch an halben Tagen als Putzfrau arbeiten und war seit 1946 auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen.27 Dennoch blieben ihr noch viele Lebensjahre. Sie starb am 28. April 1980 in einem Pflegeheim: blind und verwirrt.28

Die Flucht von Cäcilie und Gerdi Silber im Juli 1936 hatte zur Folge, dass die Familie endgültig auseinander gerissen wurde. Cäcilies Sohn Manfred Silber emigrierte nicht in die USA. Der als humorvoll, optimistisch und körperlich kräftig beschriebene Mann,29 der aktives Mitglied im Kraftsportverein (Ringer) und Radfahrerverein war und als Förderer des Sports in Seeheim galt,30 entschied sich für einen anderen Weg: In den vorliegenden Dokumentationen wird er als einziger jüdische Bürger erwähnt, der während des Zweiten Weltkrieges zum Widerstandskämpfer wurde.31 Manfred Silber verließ Deutschland und schloss sich offenbar in Frankreich der Resistance an, heiratete eine Französin und bekam mit ihr eine Tochter. Diese wanderte nach Tel Aviv aus.32 Robert Bertsch beschreibt in seiner Dokumentation nichts über die Aktivitäten des Manfred Silber in der Resistance. Bekannt ist lediglich, dass Manfred Silber den Seeheimer Arzt Dr. Artur Mayer zum letzten Mal in Lyon 1942 gesehen hat, als SS und französische Polizei Judenverfolgungen und Deportationen durchführten.33 Robert Bertsch weist in diesem Zusammenhang auf Klaus Barbie hin,34 der als ‚Schlächter von Lyon‘ bekannt wurde. Der furchtbare nationalsozialistische Sadist Klaus Barbie war als Leiter der Gestapo in Lyon für unbeschreiblich grausame Verbrechen u.a. auch an den Mitgliedern der Resistance verantwortlich. (Nach dem Krieg stand Barbie in den Diensten des amerikanischen Geheimdienstes, des deutschen BND und der deutschen Rüstungsindustrie. Erst 1983 wurde er nach Recherchen von Beate Klarsfeld an Frankreich ausgeliefert und verurteilt.)35

Auch Manfred Silber fiel 1942 im besetzten Frankreich in die Hände der NS-Schergen und wurde zuerst nach Auschwitz, dann im Januar 1945 in das Arbeitslager ‚Dora‘ nördlich der Kreisstadt Nordhausen (Thüringen) deportiert.36 Dieses Lager steht exemplarisch für die Geschichte der KZ-Zwangsarbeit und der Untertageverlagerung von Rüstungsfertigungen im Zweiten Weltkrieg. Die Häftlinge wurden von der SS hauptsächlich im Stollenvortrieb und den untertage gelegenen Werksanlagen eingesetzt, wo vor allem die „Vergeltungswaffe 2” (V2) sowie die Flugbombe „Vergeltungswaffe 1“ (V1) produziert wurde. Mehr als 60.000 Menschen aus fast allen Ländern Europas, vor allem aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich, mussten zwischen 1943 und 1945 hier Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten. Jeder dritte von ihnen starb.37

Familie Silber 9Zu den Häftlingen im Arbeitslager Dora gehörten u.a. auch der österreichische Schriftsteller Jean Amery,38 der spätere Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Heinz Galinski39 und der Resistance-Kämpfer, Essayist und Lyriker Stéphane Hessel.40

Das Lager wurde schließlich am 11. April 1945 durch die 1. US-Armee befreit. Allerdings kam für die Mehrheit der Häftlinge die Hilfe zu spät, da sie bereits auf Evakuierungstransporte und sogenannte Todesmärsche geschickt worden waren. Als die Rote Armee am 7. April 1945 kurz vor Dresden stand, wurde auch Manfred Silber in einem Viehwaggon gemeinsam mit zahlreichen Mitgefangenen einem Todestransport nach Belsen ausgesetzt.41 Nach dem Krieg berichtet er:

Familie Silber 10„Das Artilleriefeuer kam immer näher. Im Lager munkelt man: ‚Jetzt bringen die uns noch schnell um‘. Einige weinten, viele beteten. Früh um zehn Uhr wurden wir wie Tiere über eine Güterrampe in 30 Viehwagons getrieben. Eng zusammengepresst, abgemagert bis auf die Knochen, hockten wir da. Einige waren sterbenskrank, verletzt, halbtot vor Hunger und Angst. In den dichten Waggons sackten die Häftlinge einfach in sich zusammen. Einige röchelten noch, Sekunden später waren sie tot. … Wir stapelten die Leichen an den Rückwänden der Waggons. Auf dem Güterbahnhof bei Belsen trieb uns die SS mit Schlägen und Schüssen aus dem Zug. Vier Mann pro Waggon, darunter auch ich, mussten die Leichen bergen. 60 bis 70 waren es. Wir mussten sie neben dem Bahndamm liegen lassen. Was mit ihnen geschah, erfuhren wir nie (…). Acht Tage später befreiten uns die Engländer.“42

Manfred Silber wohnte nach dem Krieg bis zu seinem Tod in Darmstadt.


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, Seeheim o.J. S. 73
2   Bertsch S. 73, 74
3   Bertsch S. 92
4   Bertsch S. 93
5   Bertsch S. 76, 93

6   Bertsch S. 93
7   Bertsch S. 93, 152, 164
8   Bertsch S. 90
9   Bertsch S. 164
10  Bertsch S. 164, 165

11  Bertsch S. 164
12  Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“, Seeheim-Jugenheim, 2012, S. 580
13  Bertsch (S.17) gibt als Adresse die Mühltalstraße 3 an. In der Dokumentation wird diese Angabe übernommen (S.582) Gleichzeitig wird dort aber das Haus der Mühltalstraße 5 abgebildet. Recherchen in den Meldebüchern von Seeheim ergaben, dass in der Abmeldung des Manfred Silber vom 6. Mai 1930 als letzter Wohnort „Mühltalstraße 5“ angegeben wurde.
14  Bertsch S. 18
15  Bertsch a.a.O. S. 89

16  Heimatbuch Seeheim-Jugenheim, 1981, S. 155, 157
17  Bertsch S. 19 und 166
18  Bertsch S. 166
19  Bertsch S. 166
20  Bertsch S. 118

21  Dokumentation a.a.O. S.56
22  Heimatbuch Seeheim-Jugenheim S. 244
23  Dokumentation S. 580
24  Bertsch S. 90,94
25  Dokumentation a.a.O. S. 579

26  Dokumentation a.a.O. 581
27  Dokumentation a.a.O. S. 579
28  Bertsch a.a.O. S. 89
29  Bertsch a.a.O. S. 17
30  Dokumentation a.a.O. S. 499

31  Dokumentation a.a.O.S. 581
32  Bertsch S. 18
33  Bertsch a.a.O. S. 18
34  Bertsch S. 18
35  „Barbie folterte katholische Priester mit Elektroschocks, hängte sie an den Füßen auf, ließ Kinder hungern und prügelte sie. Nackte Frauen wurden bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt und missbraucht, indem man sie zum sexuellen Verkehr mit Hunden zwang. Barbie war für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance – unter ihnen Jean Moulin – in Südfrankreich verantwortlich. Darüber hinaus wurden ihm zahlreiche weitere Verbrechen zur Last gelegt, unter anderem das Massaker in Saint-Genis-Laval, die Verantwortung für die Deportation der Kinder von Izieu sowie zahlreiche Erschießungen im Gefängnis Fort Montluc. Dabei ging er mit großer Brutalität und Rücksichtslosigkeit vor.“ (http://de.wikipedia.org)

36  Bertsch S. 132
37  www.buchenwald.de und http://de.wikipedia.org
38  http://de.wikipedia.org
39  http://de.wikipedia.org
40  http://de.wikipedia.org

41  Dokumentation a.a.O. S. 581
42  Dokumentation a.a.O. S. 582