Familie Schneider, Schloss-Straße 24, Seeheim

Else Schneider (geb. Mayer) wurde als jüngstes Kind des Seeheimer Metzgers Rudolf Mayer und seiner zweiten Ehefrau Emilie (geb. Marx) am 20. November 1905 in Seeheim geboren. Ihre Vorfahren lebten seit mehr als 400 Jahren hier an der Bergstraße – friedlich und einvernehmlich mit den anderen Dorfbewohnern. Im Jahre 1492 musste die Familie schon einmal wegen ihres jüdischen Glaubens ein Land verlassen: Sie wurde damals aus Spanien vertrieben und fand in Seeheim ihre neue Heimat.

Familie Schneider 1Aufgewachsen ist Else Schneider gemeinsam mit ihren sechs Geschwistern und ihrem Vater in der Darmstädter Straße 3 in Seeheim. Ihre Mutter starb bereits am 18. Februar 1914.

Die Bürger der Gemeinde Seeheim-Jugenheim haben bei der 1. Stolpersteinverlegung am 10. April 2013 an das schlimme Schicksal derjenigen ermordeten und geflohenen Mitglieder der Familie Rudolf Mayer erinnert, die während der NS-Diktatur ihren Lebensmittelpunkt in der Darmstädter Straße 3 hatten. (vgl.: Familie Rudolf Mayer)

Über die Kinderjahre der Else Schneider (geb. Mayer) wissen wir wenig. Da der Betrieb der väterlichen Metzgerei offenbar zum Broterwerb für die Familie nicht ausreichte, eröffneten die Mayers im Haus in der Darmstädter Straße zusätzlich ein kleines Schuhlager und eine Fremdenpension.

Im Alter von 26 Jahren heiratete Else Mayer am 8. Januar 1931 ihren Ehemann Willy Schneider (geb. 8. Januar 1906).1 Willy Schneider war evangelisch und als kaufmännischer Leiter bei der Bensheimer Firma Riedlinger & Co, K.G. (Marmor-, Granit- und Syenit-Industrie) tätig.2 Die junge Familie vergrößerte sich: Am 28. Juli 1933 kamen die Zwillinge Richard und Edith zur Welt.3

In Seeheim war Willy Schneider als aktiver Bürger bekannt: Er engagierte sich in der Kommunalpolitik seines Heimatortes, war in verschiedenen Ausschüssen der politischen Gemeinde tätig und hätte sich das Amt des Bürgermeisters wohl zugetraut.4 Beruflich war er so erfolgreich, dass man ihm anbot, als Komplementär (persönlich haftender Gesellschafter) in die Geschäftsleitung der Fa. Riedlinger einzusteigen.5

Familie Schneider 2Weil die jüdische Gemeinde in Seeheim stets klein war und weil schon vor der Nazizeit Juden aus Seeheim wegzogen, wurde die Synagoge 1935 verkauft.6 Der Käufer war Willy Schneider.7 Die junge Familie bezog eine kleine Wohnung im Gebäude der ehemaligen Synagoge in der Ludwigstraße 17 (heute Schloss-Straße 24).

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten änderten sich die Lebensbedingungen innerhalb von Wochen für jüdische Bürger dramatisch: Ab April 1933 wurden jüdische Geschäfte boykottiert und jüdische Beamte entlassen. In den meisten deutschen Universitätsstädten brannten ab Mai 1933 Bücher vor allem von jüdischen Schriftstellern: Die Bücherverbrennung in Darmstadt fand am 21. Juni 1933 vor dem heutigen Jugendstilbad statt. 1934 wurde das Jugenheimer Schwimmbad von Bürgern – nicht von der politischen Gemeinde – durch ein Hinweisschild zum „judenfreien Schwimmbad“ erklärt. Auch in Seeheim änderten sich Straßennamen: Es gab einen „Adolf Hitler Platz“, eine „SA-Straße“ und eine „Horst Wesselstraße“. Alle Juden standen unter Generalverdacht: In Jugenheim gab es eine Landesgendarmeriestation, die sämtliche Juden in einer zentralen Datei erfasste und die Möglichkeiten ihrer freien Meinungsäußerung einschränkte.

Drei der verheirateten Geschwister der Else Schneider – Erna und Ehemann Ludwig Neu, Ludwig Mayer und Ehefrau Lina (geb. Maas), Betty (genannt Bella) und Ehemann Ludwig Maas – deuteten die Zeichen der Zeit richtig: Ungeachtet der Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft, ungeachtet des einschneidenden und endgültigen Verlustes ihrer Heimat, ungeachtet der damit verbundenen Erniedrigung und Kränkung entschieden sie sich dafür, mit ihren Ehepartnern und Kindern vor dem Unrecht zu weichen, die Flucht zu ergreifen und nach Amerika auszuwandern.

Familie Schneider 3Entscheidende Hilfe erhielten die Flüchtlinge von ihrem Schwager Willy Schneider: Jüdische Auswanderer mussten ihren Besitz und ihre Habseligkeiten oft weit unter Wert verkaufen, denn keiner wollte von Juden kaufen oder angemessene Preise zahlen. Der Nichtjude Willy Schneider hat sich der Sache angenommen und seriöse Käufer gefunden.8

Familie Schneider 4Zurück in Deutschland blieben Elses ältester Bruder Nathan mit seiner Frau Frieda (geb. Buxbaum), ihre Schwägerin Johanna Mayer (geb. Simon, Witwe des tödlich verunglückten Bruders Herrmann Mayer) mit ihrem kleinen Sohn Ernst, sowie Elses Vater Rudolf Mayer und Else Schneider mit ihrer Familie.

Eine neue Stufe des Terrors gegen die Juden wurde am 11. November 1938 eingeleitet. Im gesamten Deutschen Reich brannten die Synagogen. Im Kontext der Reichspogromnacht wurde Elses Vater Rudolf Mayer am 11. November 1938 zum ersten Mal verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Nachdem er nach 14 Tagen – gedemütigt und innerlich zerbrochen – am 21. November 1938 wieder entlassen wurde, konnte er nicht mehr in sein Haus in der Darmstädter Straße 3 zurück, obwohl er dort „Sitzrecht“ hatte. Hier wohnten jetzt Arier.9

Else Schneider nahm ihren Vater in ihrer beengten Wohnung auf. Offenbar fühlte sie sich selbst sicher, weil sie mit einem Nichtjuden verheiratet war. Am 10. März 1939 wurde ihr vom Landratsamt in Darmstadt eine Judenkarte aufgenötigt: Zunächst wurde sie gezwungen, den diskriminierenden zweiten Vornamen „Sara“ anzunehmen,10 später – ab dem 19.9.1941 – zwangen die NS-Rassisten sie, den Judenstern zu tragen. Der Seeheimer Bürgermeister Uhrig lud sie vor, um persönlich zu überprüfen, ob Else Schneider den Judenstern trug.11

Auch Ehemann Willy Schneider bekam die Willkür der Nazis zu spüren: Als man ihn – wohl im Jahre 1936/1937 – in die Kommanditgesellschaft der Bensheimer Firma Riedlinger & Co als Teilhaber aufnehmen wollte, wurde dies von den Behörden – ungeachtet der bereits von Willy Schneider dafür geleisteten Zahlungen – mit dem Argument untersagt, er sei mit einer Jüdin verheiratet. Aus dem gleichen Grund wurde er später aus der Wehrmacht entlassen. Gleichzeitig wurde ihm untersagt, seine Stelle bei Riedlinger & Co wieder anzutreten. Das Arbeitsamt wies ihm – so ist es einer Aktennotiz im RP-Darmstadt zu entnehmen – stattdessen eine Arbeit in einer Odenwälder Gummifabrik zu.12 Im Rückblick berichtet Willy Schneider nach dem Krieg, er sei nach der Entlassung aus der Wehrmacht bei der Darmstädter Firma TEWA GmbH tätig und dann arbeitslos gewesen.13

Die beiden Kinder Edith und Richard Schneider wurden von den NS-Rassisten als Mischlinge angesehen. Ihnen wurde deshalb verwehrt, eine höhere Schule zu besuchen.14

Im Jahre 1942 musste Else Schneider miterleben, dass die in Deutschland verbliebenen Mitglieder ihrer jüdischen Familie deportiert wurden:
Bereits am 25. März 1942 wurde Johanna Mayer (geb. Simon), die Witwe ihres früh durch einen Autounfall gestorbenen Bruders Hermann Mayer gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Ernst Hermann mit dem ersten von Darmstadt ausgehenden Massentransport in das Durchgangslager Piaski im besetzten Polen deportiert.15 Die Darmstädter Gestapo organisierte diesen Transport von etwa 1.000 Menschen – darunter 14 Kindern. Diese Deportation in die Vernichtung wurde als Umsiedlung zum Arbeitseinsatz getarnt. Zu diesem Zweck wurden an den Zug zwei Waggons mit Nähmaschinen angehängt. Johanna und Ernst Hermann Mayer wurden ermordet.16

Familie Schneider 5Auch Else Schneiders ältester Bruder Nathan wurde gemeinsam mit seiner Frau Frieda am 15. September 1942 von Frankfurt aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Am 29. Januar starben Nathan und Frieda Mayer in der Gaskammer von Auschwitz.

Familie Schneider 6Am 27. September 1942 holte die Gestapo Else Schneiders 73-jährigen Vater Rudolf Mayer aus Else Schneiders Wohnung in der heutigen Schloss-Straße 24 ab. Der unbescholtener Bürger, Vater von vier Söhnen und drei Töchtern, wartete – wie von der Geheimen Staatspolizei befohlen – mit einem Namensschild, das er sich selbst um den Hals zu hängen hatte auf den Abtransport. Die lebensnotwendigen Sachen hatte er in einem Koffer verpackt, darauf war eine Wolldecke geschnürt. Drei Tage nach dem 24. September 1942 wurde ein Elendszug von meist älteren Juden aus Südhessen vom Sammellager (in der heutigen Justus Liebig Schule in Darmstadt) über die Bismarckstraße zur Verladung in Güterwagons zum Hauptbahnhof (oder Güterbahnhof?) geleitet. Am 28. September 1942 kam der Transport XVII/1 mit 1287 Personen im KZ – Theresienstadt an. Im Theresienstädter Gedenkbuch ist vermerkt, dass von diesen 1.287 Menschen 1.198 umgekommen sind. Rudolf Mayer wurde am 2. Januar 1943 ermordet.17

Die Familie Schneider durchlitt die rassistischen Erniedrigungen – aber auch die Schrecken des 2. Weltkrieges – und wohnte bis Anfang 1945 in der damaligen Ludwigstraße.

Familie Schneider 7Wenige Wochen vor Kriegsende, am zweiten Wochenende im Februar 1945 brachte der – später als NS-Aktivist18 bezeichnete – Jugenheimer Gendarm Hugo Falter den Deportationsbefehl für Else Schneider in die Seeheimer Bürgermeisterei: „Else Sara Schneider, geb. Mayer, soll am Montag, den 12.2.1945 vormittags 8 Uhr auf der Bürgermeisterei sein zum Arbeitseinsatz (Gepäck 15 kg). Über die Höhe des mitzunehmenden Geldes bestehen keine Vorschriften.“19

Die Gemeindeangestellte Frau Jöckel, wurde von Hugo Falter ausdrücklich angewiesen, Frau Schneider nicht vorzeitig zu informieren. Mutig folgte Frau Jäckel dieser Anweisung nicht: sie ließ stattdessen der Familie Schneider unverzüglich eine schriftliche Nachricht zukommen und rettete ihr auf diese Weise das Leben. Am Samstag, d. 10.2.45 suchte Willy Schneider einen Bekannten in Malchen auf, um sich ein Fahrrad für die Flucht zu leihen.20 In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1945 flohen Else und Willy Schneider gemeinsam mit ihren beiden damals elfjährigen Zwillingen Edith und Richard aus Seeheim. Mitnehmen konnten sie nur die dringend notwendigen Habseligkeiten.

Offenbar wurde gleich nach Entdeckung ihres Aufbruchs intensiv – auch über den Rundfunk – nach der jungen Familie Schneider gefahndet.21 Dennoch gelang die Flucht: Willy Schneider kannte aus seiner Zeit bei der Fa. Riedlinger den Steinmetzmeister und Bildhauer Raimund Wegerer aus Ichenhausen in Bayern. Mit Raimund Wegerer, der in jedem Jahr ein- bis zweimal zur Fa. Rielinger nach Bensheim kam, hatte Willy Schneider schon früher offen über seine Familie, seine jüdischen Frau und die Verfolgungen im 3. Reich gesprochen. Wegerer war damals Teilhaber einer Jagd in Vorarlberg und Willy Schneider hoffte, sein Geschäftspartner könne ihm und seiner kleinen Familie bei der Flucht in die Schweiz behilflich sein. Der Plan konnte damals nicht realisiert werden. Jetzt aber gelang es den vier Flüchtlingen, sich bis zu Raimund Wegerer in Ichenhausen durchzuschlagen. Else Schneider kam mit einem verbundenen Handgelenk dort an: Sie hatte in ihrer Verzweiflung versucht, sich auf der Flucht – in der Nähe von Ulm – die Pulsadern zu öffnen und aus dem Leben zu scheiden. Katholische Schwestern haben sie in Ulm verbunden und so gerettet.

Familie Schneider 8Raimund Wegerer nahm die junge Familie für einige Tage auf und gab dann den Rat, die vier sollten zu seinem Jagdfreund Albin Konzett in das kleine Dorf Thüringerberg in Vorarlberg (Österreich)22 weiterziehen. Else Schneider berichtete später, dass die Familie Konzett die vier Flüchtlinge gegen eine Zahlung von 3.000,– Mark auf einem notdürftig hergerichteten Speicher aufgenommen habe.23

Auch im Vorarlberg war die Not gegen Weltkriegsende groß und die Flüchtlinge besaßen keine Lebensmittelkarten. Dennoch gelang es der Familie Schneider, zu überleben und sich der Verhaftung durch die Gestapo zu entziehen.

Sie blieben bis Juni 1945 in ihrem Versteck und kehrten nach dem Krieg im September 1945 in die Ludwigstraße nach Seeheim zurück. Nur wenige Monate später verließen Willy und Else Schneider mit ihren beiden Kindern Edith und Richard Deutschland. Am 31. August 1946 erreichten sie Amerika und ließen sich in Ceveland im US-Bundesstaat Ohio nieder.


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“, Seeheim-Jugenheim 2012 S. 609
2   Dokumentation S. 616
3   Dokumentation S. 609
4   Dokumentation S. 614
5   Dokumentation S. 618

6   Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, o.J. S. 111
7   Laut Eintrag im Brandversicherungskataster der Gemeinde Seeheim
8   Bertsch S. 61
9   Dokumentation S. 562, 609
10  Dokumentation S. 609

11  Dokumentation S. 610
12  Dokumentation S. 617
13  Dokumentation S. 617
14  Dokumentation S. 622
15  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/

16  Jutta Reus und Dorothee Hoppe, „Stolpersteine in Darmstadt“, 2013, S. 18
17  Dokumentation S. 538, 563, 564
18  Dokumentation S. 445
19  Dokumentation S. 610
20  Dokumentation S. 445

21  Dokumentation S. 617
22  Dokumentation S. 611
23  Dokumentation S. 616