Familie Rudolf Mayer, Darmstädter Straße 3, Seeheim

Der Familienvater Rudolf Mayer wurde am 4. Mai 1868 in Seeheim  geboren und wuchs in einer  alteingesessenen Seeheimer Familie auf. Seine Vorfahren lebten seit mehr als 400 Jahren hier an der Bergstraße – friedlich und einvernehmlich mit den anderen Dorfbewohnern.

Im Jahre 1492 musste die  Familie schon einmal wegen ihres jüdischen Glaubens ein Land verlassen: Sie wurde damals aus Spanien vertrieben und fand hier ihre neue Heimat. Als junger Mann erlernte Rudolf das Metzgerhandwerk. Nach der Hochzeit mit seiner Frau Karoline, geb. Guckenheimer, vergrößerte sich rasch die junge Familie: In den Jahren 1895 bis 1898 wurden die beiden Söhne Nathan und Hermann und dann die Tochter Erna geboren. Im Jahre 1900 musste die Familie einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen. Die Geburt des vierten Kindes Salomon überlebten weder Mutter noch Kind.

Am 8.11.1900 starb Karoline und am 23.11. starb der kleine Salomon. Rudolf musste seine Frau und das Baby auf dem Alsbacher Judenfriedhof beerdigen. Der alleinstehende Vater mit drei kleinen Kindern fand eine zweite Frau und heiratete Emilie Marx. Noch einmal stellte sich Nachwuchs ein: Sohn Ludwig, Tochter Betty, genannt Bella, kamen 1902 und 1903 zur Welt. Und schließlich wurde das Nesthäkchen, Rudolf Mayers jüngstes Kind, Else im Jahre 1905 geboren. Schon neun Jahre später, am 18. Februar 1914, starb auch Rudolfs zweite Frau Emilie. Es sollte nicht der letzte schwere Schicksalsschlag bleiben, den Rudolf Mayer hinnehmen musste: In den zwanziger Jahren kam sein zweitältester Sohn Hermann durch einen Autounfall in Darmstadt ums Leben und hinterließ seine Frau Johanna und seinen Sohn Ernst Hermann.

Das Haus in der Darmstädter Straße 3 gehörte Rudolf Mayer seit 1899. Hier betrieb er jahrelang eine kleine Metzgerei, die er im Alter seinem Sohn Ludwig übergab. Weil die Zeiten schwer waren, konnte sich der alte Mann nicht zur Ruhe setzen, sondern richtete hier zusätzlich ein bescheidenes Schuhlager ein, um sich ein Paar Mark dazu zu verdienen. Weil die Einnahmen aus offenbar noch immer nicht ausreichten, um die Familie zu ernähren, eröffneten die Mayers hier auch noch eine kleine Fremdenpension für meist jüdische Gäste. Schließlich wohnte man im Luftkurort Seeheim. Die Familie Rudolf Mayer nahm am gesellschaftlichen Leben im Dorf rege teil. Sohn Ludwig war aktives Mitglied im Gesangsverein und Vater Rudolf in der freiwilligen Feuerwehr in Seeheim.

Und selbstverständlich besuchten die Mayers regelmäßig die Seeheimer Synagoge, die in den Jahren 1866-1868 in der (heutigen) Schloß-Straße erbaut worden war. Da jedoch in Seeheim schon vor der NS-Zeit nur noch wenige Juden lebten, wurde die Synagoge im Jahre 1935 von der jüdischen Gemeinde an eine christliche Familie verkauft. Die letzte große Feierlichkeit in der Seeheimer Synagoge war die Doppelhochzeit der beiden Kinder von Rudolf Mayer: Ludwig und Betty (genannt Bella) Mayer heirateten die ebenfalls verschwisterten Ludwig und Lina Maas aus Gommersheim. Im Anschluss an die Trauung traf sich die Hochzeitsgesellschaft in der Darmstädterstraße 3. Die Sängervereinigung „Eintracht“ sang zu Ehren ihres Mitglieds Ludwig Mayer. Nach Schließung der Synagoge übernahm Rudolf Mayer ehrenamtlich die Aufgaben des Rabbi: Er „versah … den Dienst der Lehre in der hebräischen Sprache … Auch das Schächten, d.h. das Schlachten von Vieh in der nach einem bestimmten Ritus vorgeschriebenen Weise, war die Pflicht des Rudolf Mayer.“

Als die Nationalsozialisten am 30.1.1933 an die Macht kamen, war Rudolf Mayer schon fast 65 Jahre alt, hatte erwachsene Kinder, Schwiegertöchter, Schwiegersöhne und Enkel. Innerhalb von Wochen änderten sich die Lebensbedingungen für die Familie dramatisch: Der Boykottaufruf vom 1. April 1933 gegen jüdische Geschäfte traf sie schwer: Von ihrer Metzgerei, vom Schuhlager und der kleinen Fremdenpension konnten sie ihren Lebensunterhalt kaum noch bestreiten. Die Diskriminierung von Juden wurde immer unerträglicher: Ab dem 7. April 1933 wurden jüdische Beamte entlassen. In den meisten deutschen Universitätsstädten brannten ab Mai 1933 Bücher vor allem von jüdischen Schriftstellern: Die Bücherverbrennung in Darmstadt fand am 21. Juni 1933 vor dem heutigen Jugendstilbad statt. 1934 wurde das Jugenheimer Schwimmbad von Bürgern – nicht von der politischen Gemeinde – durch ein Hinweisschild zum „judenfreien Schwimmbad“ erklärt. Auch an der Seeheimer Volksschule sollte ab 1936 eine möglichst vollständige Rassentrennung durchgeführt werden. Auch in Seeheim änderten sich Straßennamen: Es gab einen „Adolf Hitler Platz“, eine „SA-Straße“ und eine „Horst Wesselstraße“. Alle Juden standen unter Generalverdacht: In Jugenheim gab es eine Landesgendarmeriestation, die sämtliche Juden in einer zentralen Datei erfasste und die Möglichkeiten ihrer freien Meinungsäußerung einschränkte.

Drei der verheirateten Kinder der Familie Mayer – Erna und Ehemann Ludwig Neu, Ludwig und Ehefrau Lina (geb. Maas), Betty (genannt Bella) und Ehemann Ludwig Maas – deuteten die Zeichen der Zeit richtig: Ungeachtet der Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft, ungeachtet des einschneidenden und endgültigen Verlustes ihrer Heimat, ungeachtet der damit verbundenen Erniedrigung und Kränkung entschieden sie sich dafür, mit ihren Ehepartnern und Kindern vor dem Unrecht zu weichen, die Flucht zu ergreifen und nach Amerika auszuwandern. Später entstand ein Foto, das die in Deutschland gebliebenen Familienangehörigen zeigt. Acht der dort abgebildeten dreizehn Menschen wurden im KZ umgebracht.

Vater Rudolf Mayer näherte sich seinem 70. Geburtstag und wollte sich nicht von seinem ältesten Sohn Nathan, seiner Schwiegertochter Frieda, seiner jüngsten Tochter Else und ihren beiden Kindern trennen. Er hatte sein ganzes Leben in Seeheim verbracht, wollte auf dem Alsbacher Friedhof beerdigt werden, wie seine Vorfahren und seine beiden verstorbenen Ehefrauen und seine Söhne Hermann und Salomon. Er entschied sich deshalb gegen die Auswanderung nach Amerika.

Eine neue Stufe des Terrors gegen die Juden wurde am 11. November 1938 eingeleitet. Im gesamten Deutschen Reich brannten die Synagogen. Im Kontext der Reichspogromnacht wurde Rudolf Mayer am 11. November 1938 zum ersten Mal verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Er erhielt die Häftlingsnummer 23402. Als Grund für seine Inhaftierung wurde in den Lagerakten das Wort „Aktionsjude“ vermerkt. So bezeichneten die NS-Bürokraten die ca. 26.000 im Kontext der Pogromnacht verschleppten Juden. Buchenwald war kein Vernichtungslager. Aber die Häftlinge waren völlig rechtslos, wurden eingeschüchtert, gefoltert und seelisch zerbrochen. Bereits im ersten halben Jahr forderte dieses Lager 48 Menschenleben. Nachdem Rudolf Mayer nach 14 Tagen – gedemütigt und innerlich zerbrochen – am 21. November  1938 wieder entlassen wurde, konnte er nicht mehr in das Haus zurück, obwohl er dort „Sitzrecht“ hatte. Hier wohnten jetzt Arier.

Rudolf Mayer hätte der Vernichtung entgehen können, wenn er jetzt der Einladung seiner Kinder nach Amerika gefolgt wäre. Er entschied sich jedoch abermals dafür, seine noch in Seeheim lebende und mit dem Christen Willy Schneider verheiratete Tochter Else und deren Zwillingskinder Edith und Richard nicht allein zu lassen: ‚Solange noch eines meiner Kinder hier ist, gehe ich nicht weg‘. Die endgültige Deportation in das Vernichtungslager Theresienstadt erfolgte am 24. September 1942.

„Rudolf Mayer, 73 Jahre alt, unbescholtener Bürger, Vater von vier Söhnen und drei Töchtern, wartete – wie von der Geheimen Staatspolizei befohlen – mit einem Namensschild, das er sich selbst um den Hals zu hängen hatte, auf den Abtransport. Die lebensnotwendigen Sachen hatte er in einem Koffer verpackt, darauf war eine Wolldecke geschnürt. So sahen die wenigen Seeheimer aus der Nachbarschaft des Rathauses den RUDOLF, wie sie ihn nannten, zum letzten Mal. … Drei Tage nach dem 24. September 1942 wurde ein Elendszug von meist älteren Juden aus Südhessen vom Sammellager … (in der heutigen Justus Liebig Schule) über die Bismarkstraße zur Verladung in Güterwagons zum Hauptbahnhof (oder Güterbahnhof?) geleitet. … „Die fanatisiert –bürokratischen Gestaposchergen konnten Darmstadt als judenrein abbuchen“. Am 28. September 1942 kam der Transport XVII/1 mit 1.287 Personen im Vernichtungslager Theresienstadt an. Im Theresienstädter Gedenkbuch ist vermerkt, dass von diesen 1.287 Menschen 1.198 umgekommen sind. Rudolf Mayer starb am 2. Januar 1943.

Auch Nathan Mayer, der älteste Sohn Rudolf Mayers, wurde ebenso wie seine Ehefrau Frieda von den Nationalsozialisten ermordet. Von Frankfurt aus wurden die beiden am 15. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 29. Januar 1943 in Auschwitz ermordet. Über die Einzelheiten ihres Schicksals wissen wir wenig. Wir sind nicht einmal sicher, ob beide bis zu ihrer Verhaftung in der Darmstädter-Straße 3 gewohnt haben. Da wir von keiner anderen Anschrift wissen, haben wir uns entschieden, für Nathan und Frieda Mayer hier Stolpersteine zu setzen.

Rudolf Mayers jüngster Tochter Else konnte mit ihrem Mann Willy Schneider und den Kindern Richard und Edith unmittelbar vor der Verhaftung fliehen. An das Schicksal dieser Familie wird bei der nächsten Stolpersteinverlegung in Seeheim erinnert.

Nicht vergessen werden sollen die weiteren Familienmitglieder, die Opfer der NS-Verbrechen wurden und ihren Lebensmittelpunkt nicht in Seeheim hatten: Rudolf Mayers älteste Tochter Erna lebte mit ihrem Mann Ludwig Neu und ihren beiden Kindern Liesel und Leo in Lengfeld. Die junge Familie flüchtete bereits Ende 1935/Anfang 1936 in die USA. Entsprechende Stolpersteine sollten in Lengfeld verlegt werden.

Wir erinnern ebenso an Johanna Mayer und ihren Sohn Ernst Hermann. Johanna war verheiratet mit Rudolfs zweitem, durch einen Autounfall tödlich verunglücktem Sohn Hermann. Sie wohnte mit  ihrem Sohn in Darmstadt und die beiden sollten dort Stolpersteine erhalten. Johanna und Ernst Hermann wurden am 25. März 1942 nach Piaski deportiert und ermordet.


Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bilder: Robert Bertsch, Eigenfoto, Dokumentation Geschichtswerkstatt
Textgrundlage: Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, Seeheim-Jugenheim  2012, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“ / Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, Seeheim-Jugenheim, o. J.