Familie Koppel, Ludwigstraße 15–19, Jugenheim

Glaubt man den Hinweisen von Jugenheims Altbürgermeister Philipp Hofmeyer, dann trägt der älteste – bereits Anfang des 18. Jahrhunderts – in Jugenheim nachweisbare jüdische Bürger den Namen Koppel.1 Sicher dokumentiert ist durch die Forschungen des Denkmalausschusses der ev. Kirche Jugenheim, dass ein Mann namens Koppel-Koppel (16.8.1801 – 4.7.1875) mit seiner Ehefrau Regina (geb. Feist) in Jugenheim gelebt hat2 und dass David Koppel als Sohn dieses Ehepaares am 9.1.1834 zur Welt kam.3 Philipp Hofmeyer gibt an, David Koppel sei „Viehjude“ (Viehhändler), starker Raucher und im Alter blind gewesen.4

Familie Koppel 1David Koppel heiratet Malchen Kaufmann (1841 – 1925) und wohnt mit ihr in der heutigen Hauptstraße Nr. 24. Er hat dieses Anwesen, das bereits im 18. Jhd in jüdischem Besitz war, 1869 von seinem Vater übernommen.“5 Am 16.11.1870 wird dem Ehepaar David und Malchen Koppel der Sohn Heinrich geboren. Tochter Karoline kommt am 14.12.1882 zur Welt.6 Über die weiteren Kinder Hannchen (geb. 29.10.1872), Helene (4.2.1877) und Rosa (geb.16.5.1885), die Robert Bertsch aufführt8, fehlen nähere Informationen.

Karoline Koppel wird später das bescheidene Anwesen übernehmen und mit ihrem Mann Moritz Abraham und den beiden Kindern Heinrich und Rosa solange bewohnen, bis sie sich am 20. Mai 1926 von ihrem Mann trennt und in die USA auswandert.9 Im 19. Jahrhundert wird Jugenheim zum Luftkurort ernannt: Entsprechend gibt es Tourismus und Bedarf für Pensionen und Speisegaststätten. Unter den Betrieben werden zeitweise zwei als „Israelitische Pensionen“ ausgewiesen.10

Familie Koppel 2Familie Koppel 3Auch David Koppel bietet in einem Speisehaus – mit rabbinischen Referenzen – koschere Speisen für jüdische Gäste an.

David Koppel schaltet im Juni 1868 eine Werbeanzeige in der Zeitschrift mit dem Namen „Der Israelit“: Dieses Blatt, das von 1860 bis 1906 in Mainz und danach bis zum NS-Verbot 1938 in Frankfurt erscheint und sich als „Centralorgan für das orthodoxe Judentum“ bezeichnet, dokumentiert einen wichtigen Ausschnitt der Debatte zwischen orthodoxen und liberalen Juden und zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland. Im Leitartikel der Ausgabe, die die Werbungsanzeige David Koppels enthält, geht es am 17. Juni 1868 um die Frage, ob Juden und Christen nach der gleichen Eidesformel schwören dürfen.12 Später werden auch Sohn Heinrich und Enkel Julius in dieser Zeitung annoncieren.

Familie Koppel 4David Koppels Sohn Heinrich heiratet 1897 seine aus Erfelden stammende Frau Settchen, geb. Steinfels (1866 – 1928).15 Dem Paar werden drei Kinder geschenkt: Berta kommt am 20.2.1898 zur Welt, Julius wird am 30. Mai 1900 geboren und der jüngste Sohn Karl erblickt am 1. März 1905 das Licht der Welt.16

Familie Koppel 5Heinrich Koppel tritt in die Fußstapfen seines Vaters. Auch er führt ein Speisehaus. Am 23. Juni 1904 erscheint seine Anzeige in dem konservativ-orthodoxen Blatt, welches an diesem Tage im Leitartikel mit der Überschrift: „Schachmatt dem Orgel-judentum“ gegen Vorstellungen liberaler Juden und gegen die Einführung der christlichen Orgel in den orthodoxen jüdischen Ritus polemisiert.17

Familie Koppel 6Um 1904 übernimmt Heinrich Koppel einen Teil der 1872 abgebrannten Sandmühle in der heutigen Ludwigstraße 15–19 und richtet hier eine Pension ein. 34 Jahre lang bleibt die Pension Sandmühle im Besitz der Familie Heinrich Koppel. Zunächst wird sie von ihm und seiner Frau allein betrieben. Später wird das Ehepaar von Sohn Julius unterstützt, der ein qualifizierter Koch wird. Julius Koppel heiratet am 7.4.192921 Mathilde Simons (geb. am 19. Mai 1905 in Köln)22. Die jungen Leute wohnen auch in der Sandmühle.23

Familie Koppel 9In der Ausgabe der Zeitung „Der Israelit“ vom 22.10.1925, in der sich Julius als Küchenchef für Hochzeiten und Gesellschaften empfiehlt, findet sich ein Hinweis auf den heftigen Antisemitismus, der sich in dieser Zeit in Deutschland längst breit gemacht hat: „Im wohltuenden und erfreulichen Gegensatz zu der an dieser Stelle mit Recht mehrfach gerügten antisemitischen Einstellung von Meyers Konversationslexikon steht die ruhige und sachliche Objektivität, mit der das Brockhaus‘sche Konversationslexikon jüdische Gegenstände behandelt. Das … Werk … schreibt u. a. bei „Blutaberglaube“ kurz und bestimmt: ‚Einen Blutritus der Juden, dem der unaufgeklärte Tod von Christenkindern (in Xanten, Konitz, Tilza, Eßlar) zur Last gelegt wurde, gibt es nicht.“24

Familie Koppel 10Auch die jüdische Gemeinde in Alsbach, zu der Heinrich Koppel und seine Familie gehören, leiden zeitgleich unter antisemitischen Attacken: Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ vom 21. August 1925 berichtet:26

1925 bleiben die antisemitischen Gewalttaten noch Randnotiz auf der siebten Seite des liberalen Blattes, während sich die Titelseite um „Die sexuelle Frage im Spiegel der jüdischen Religion“ bemüht. Und auch noch am 12.3.1931 kann Heinrich Koppel ungehindert im orthodoxen Konkurrenzblatt für seine jüdische Pension Sandmühle im Luftkurort Jugenheim werben:

Noch wettert das orthodoxe Zentralblatt an diesem Tage im Leitartikel gegen „Die Liga der Gottlosen innerhalb des jüdischen Liberalismus“ und deren „… kindlichen und kindischen Glaubens- und Unglaubensvorstellungen …“29

Nach der Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933 ändern sich die Themen der orthodoxen Zeitung erst allmählich: Zunächst gilt dem Streit mit den liberalen Juden weiterhin viel Aufmerksamkeit. Erst Monate später geht es um Themen, die im Zusammenhang mit den politischen Verfolgungen und Diskriminierungen stehen: „… Zukunft der Deutschen Judenheit“ (26.10.33)30, das Londoner „Hilfswerk für deutsche Juden“ (9.11.33)31 und immer wieder – bis zum Verbot der Zeitung durch die Nazis Anfang November 193832 – um Fragen der jüdischen Auswanderung nach Palästina. (24.2.38/ 3.11.38)33

Heinrich Koppel arbeitet aktiv in der Alsbacher jüdischen Gemeinde mit: 1932 gehört er neben Felix Frank aus Alsbach und Aron Lehmann aus Hähnlein zum Gemeindevorstand.34 Noch 1936 lässt er sich in den Vorstand des Alsbacher Friedhofverbandes wählen.35

1929 übergibt der inzwischen 59-jährige Familienvater die Pension Sandmühle offiziell an seinen Sohn Julius. Jedenfalls meldet dieser am 11.4.1929 das Gewerbe als Fremdenpension an.36 Wie die abgebildete Postkarte vom 18.6.193437 belegt, ist Berthold Rothschild im Juni 1934 zu Gast in der Pension Sandmühle:

Familie Koppel 11Berthold Rothschild gelingt 1937 die Emigration nach Palästina; seine Schwester Fanny – die Absenderin der Karte – flieht in die USA.38

Vom 29.6. bis 1.7.193439 und vom 18. bis 21. Juli 193540 werden in der Pension der Familie Koppel von der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ mit Sitz in Berlin und Frankfurt Schulungstagungen für jüdische Bürger organisiert. Es geht um politische Themen wie: ‚Grundlagen des Zionismus‘, ‚Palästina‘, ‚Wirtschaftslage der Juden in der Welt‘, ‚Das deutsche Judentum‘ und um Schulungen für Hebräisch-Lehrer und Informationen zu neuhebräischer Literatur.41 1935 nehmen 120 jüdische Bürger an der Veranstaltung teil.42

Diese Schulungstage der zionistischen Vereinigung werden auch in Jugenheim von den Nazis überwacht: Am 3. Juli 1934 observiert der Jugenheimer Gendarmerie-Wachtmeister Hugo Falter, der als „Alter Kämpfer“ immer wieder Haussuchungen und Verhaftungen bei Juden und ehemaligen SPD- und KPD-Mitgliedern durchführt, die Veranstaltung in der Pension Koppel und berichtet dann ausführlich an das Hessische Kreisamt in Bensheim.43 Ein Jahr später begründet die Gestapo in einem entsprechenden Vermerk, dass von staatspolitischer Seite gegen diese Schulungen keine Bedenken bestehen, weil durch die zionistische Werbung für die Auswanderung von Juden nach Palästina „ …die praktische Lösung der Judenfrage gefördert wird.“44 Allerdings geht die NSDAP gegen Rudolf Scherer vor, den Besitzer des Jugenheimer Hotels Krone in der Hauptstraße 20, der 1935 jüdische Gäste aufnimmt, die in der ausgebuchten Pension Sandmühle nicht mehr unterkamen.

Familie Koppel 12Die NSDAP bezeichnet Scherer als „Judenfreund“ und bemängelt, dass er das Schild „Juden unerwünscht!“ nicht vor seinem Hotel angebracht habe.46 Mit Schreiben vom 22. Juli 1935 beschwert sich auch Jugenheims Bürgermeister Hofmeyer über die jüdische Veranstaltung in der Sandmühle: „In den letzten Tagen fand in der jüdischen Pension Koppel in Jugenheim … eine Tagung … statt. Da die Bevölkerung hierüber sehr erregt war, bitten wir höfl. Hess. Kreisamt für die Zukunft derartige Veranstaltungen von jüdischer Seite nicht mehr genehmigen zu wollen.“47

Die Gestapo reagiert zustimmend auf Hofmeyers Hinweis und erklärt mit Schreiben vom 6. August 1935, dass die Veranstaltung im Hause Koppel zwar in Ruhe und Ordnung verlaufen sei, dass keinerlei Bedenken dagegen bestehen, dass „… Zionisten die Auswanderung nach Palästina propagieren …“,dass aber solche Veranstaltungen nicht mehr in kleinen Orten stattfinden sollen: „In solchen Fällen wird nämlich die ungewöhnliche Zahl der plötzlich an dem Tagungsort erscheinenden Juden (bei) der Bevölkerung und den Kur- und Badegästen … Mißstimmung hervorrufen.“48

Auch das Kreisamt in Bensheim nimmt im Schreiben vom 20. Juli 1936 an die Gestapo diese Argumentation Hofmeyers wieder auf: „Wir beabsichtigen für dieses Jahr die Abhaltung eines Schulungslagers nicht zu gestatten … (und) erbitten Ihre Stellungnahme.“49

Die NS-Diktatur setzt durch ihren Antisemitismus und – bis zum Sommer 1935 – bereits 70 rassistische Gesetze gegen jüdische Bürger50 der Familie Koppel nachhaltig zu:

Julius und Mathilde Koppel entschließen sich bereits im Sommer 1933, nach Köln – dem Geburtsort Mathildes – zu ziehen und melden am 13. Juni 1935 das Gewerbe als Fremdenpension ab.51

Karl Koppel, der jüngere Bruder von Julius, der nach seiner Schulzeit im Jahr 1919 zunächst in Darmstadt und später in Frankfurt den Beruf des Zahntechnikers erlernte, praktiziert als staatlich geprüfter Dentist seit 1930 im Komplex der Sandmühle in der Ludwigstraße 17 und ist zu sämtlichen Betriebskrankenkassen zugelassen.52 Am 26. April 1934 heiratet er Irma Adler aus Bensheim.53 Am 17. Mai 1934 ordnet der NS-Reichsarbeitsministers an: Bei den Krankenkassen zugelassene Ärzte Zahnärzte und Dentisten54 „… müssen im Arztregister eingetragen sein.“ Dazu müssen sie Urkunden einreichen, die ihre „arische Abstammung“ ebenso wie die ihrer Ehepartner beweisen. „Anderenfalls werden sie künftig keine Zulassung als Kassenärzte mehr erhalten, selbst wenn sie ehem. Weltkriegsteilnehmer sind. Die Zulassung wird entzogen, wenn ein Kassenarzt einen ‚nicht arischen‘ Ehegatten heiratet oder nach dem 1. Juli 1933 geheiratet hat.“55 Karl Koppel ist jetzt auf wenige Privatpatienten angewiesen, die es noch wagen, „… sich von einem jüdischen Dentisten behandeln zu lassen.“56 Da er im Hause der Eltern mietfrei praktiziert und alle technischen Arbeiten eigenständig durchführt kann er die Zeit bis zu seiner Auswanderung im Juli 1937 über Antwerpen57 nach Amerika überbrücken.58

Auch die Pension Sandmühle lässt sich unter der NS-Diktatur nicht halten. Heinrich Koppel hat nach dem Umzug von Julius im Februar 1934 gemeinsam mit Angestellten versucht, den Betrieb wieder aufzunehmen. Seinen Lebensunterhalt kann er unter den schlimmen Bedingungen nicht mehr verdienen: Im Januar 1937 muss er bei der Gemeinde Jugenheim einen Antrag auf Unterstützung stellen, da sein Einkommen nicht mehr ausreicht.59 Nach dem Kriegsende gibt der Zeuge Alois Z. im Rahmen des Spruchkammerverfahrens gegen Bürgermeister Hofmeyer an, dieser habe Heinrich Koppel mit Beträgen um 50 RM (entweder privat oder mit Mitteln der Gemeinde) unterstützt.60 Im November 1938 gibt Heinrich Koppel auf: Er will die Pension Sandmühle an den Schneider Johannes Emmerich verkaufen und lässt von einem Notar den Kaufvertrag aufsetzen. Da es sich um ein jüdisches Anwesen handelt, ist der Verkauf genehmigungspflichtig: Geld kann erst fließen, wenn die Genehmigung des Volksstaates Hessen erteilt ist.61 So muss Heinrich Koppel die Pension Sandmühle am 30. November 1938 endgültig schließen und abmelden. Einen Tag später, am 1. Dezember 1938, meldet sich Heinrich Koppel in Jugenheim ab und zieht völlig mittellos nach Köln in die Nähe seines Sohnes Julius und seiner Schwiegertochter Mathilde Koppel.62 Als Bürgermeister Hofmeyer am 18. Dezember Heinrich Koppel bescheinigt, „…dass er seinen steuerlichen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde nachgekommen sei…(kann dieser) einen Reisepass beantragen.“63 Die Emigration Heinrich Koppels nach Palästina ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich.64

Berta Koppel, die älteste Tochter Heinrichs, ist seit dem 21. Juni 1926 mit Walter Seligmann (geb. am 21.5.1902) verheiratet.65 Das junge Paar führt zunächst in Darmstadt in der Bleichstraße das Hotel „Stadt Frankfurt“ und zieht später nach Oppenheim und 1931 nach Krumbach in Schwaben.66 Walter Seligmann hat dort eine Anstellung als Lehrer in einer jüdischen Gemeinde gefunden. Berta und Walter Seligmann haben zwei Kinder: Tochter Henny wird am 12.11.1927 in Jugenheim geboren67 und am 26.2.1935 kommt in Krumbach Sohn Herbert zur Welt. 1938 übernimmt Walter Seligmann die Leitung des jüdischen Altersheims in Gailingen am Bodensee.

Die Ausstellung „Opa und Herbert sind fort“ dokumentiert eindringlich die Leidensgeschichte der jungen Familie Berta und Walter Seligmann:68 Nach der Reichsprogromnacht wird Walter Seligmann festgenommen, in das KZ Dachau verschleppt und nach einiger Zeit wieder entlassen. Berta und Walter Seligmann beschließen, mit den Kindern aus Deutschland zu fliehen. Eine legale Auswanderung ist 1939 nicht mehr möglich. Im Februar 1939 ergibt sich die Möglichkeit einer illegalen Flucht nach Palästina. Allerdings werden bei diesem Transport nur Erwachsene mitgenommen. Schweren Herzens beschließen die Eltern, ihre beiden Kinder bei zwei Familien in der Schweiz unterzubringen, bis sie sie nach Palästina nachholen können. Die Eltern reisen ab. Die Flucht der Kinder in die Schweiz misslingt jedoch. Man bringt sie zunächst in ein Kinderheim in den Schwarzwald. Da das Heim am Tage des Kriegsausbruches aufgelöst wird, müssen die Geschwister zurück nach Gailingen. Am 12.11.1939 werden Henny und Herbert in einem jüdischen Kinderheim in Köln aufgenommen. Dorthin waren ja zunächst Julius und Mathilde Koppel und später auch Heinrich Koppel gezogen. Nach wenigen Tagen erhält die 13-jährige Henny die Möglichkeit, von Triest aus nach Palästina einzureisen. Am 5. Dezember 1939 ist sie dort wieder mit ihren Eltern vereint.

Auch für den noch nicht fünfjährigen Herbert wird ein Einreisezertifikat nach Palästina ausgestellt. Als Walter Seligmann im Januar 1940 nach Haifa reist, um dort seinen kleinen Sohn vom Schiff abzuholen, ist der Junge nicht an Bord. Berta und Walter Seligmann erhalten in den nächsten Wochen Briefe aus Köln: Heinrich und Julius Koppel versuchen alles, um dem kleinen Herbert doch noch die Ausreise zu seinen Eltern zu ermöglichen. Der letzte Brief wird am 25. März 1940 abgeschickt. Danach ist die Postverbindung zwischen Deutschland und dem Ausland kriegsbedingt abgerissen. An seinem 7. Geburtstag – am 26. Februar 1942 – befindet sich Herbert wohl noch im Kölner Kinderheim. Am 20. Juli 1942 wird das aus seiner Familie herausgerissene siebenjährige Kind von den NS-Verbrechern in das Ghetto nach Minsk verschleppt und umgebracht. Das zentrale Gedenkbuch der Bundesrepublik Deutschland für die „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland“ weist kein genaues Todesdatum aus.69

Unter den 963 Deportierten, die am 15. Juni 1942 von Köln nach Thersienstadt verschleppt werden70, befindet sich auch Herberts Großvater, der fast 72-jährige Heinrich Koppel.71 Am 16. Juni 1942 werden die Verschleppten in das KZ-Thersienstadt eingewiesen. Dort leiden die Menschen unter fürchterlichen Lagerbedingungen: Ein Viertel (etwa 33.000 Menschen) der Gefangenen sterben vor allem wegen der entsetzlichen Lebensumstände. Heinrich Koppel gehört zu den etwa 88.000 Häftlingen, die in den umliegenden Vernichtungslagern (z.B. KZ Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Majdanek oder Sobibor) umgebracht werden. Am 19. September 1942 wird Heinrich Koppel in Treblinka eingewiesen. Das genaue Datum seiner Ermordung ist nicht bekannt.72

Am 30. Oktober 1941 werden 973 (oder 1011) Menschen von Köln in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Unter den Verschleppten befindet sich auch das Ehepaar Julius und Mathilde Koppel73. Das Ghetto in Lodz erhält von den Nazis seinen Namen nach dem NS-General Karl Litzmann.74 Auch in diesem Ghetto sind die Lebensbedingungen menschenverachtend: Unterernährung, Epidemien und Winterkälte fordern unzählige Todesopfer. „Zwischen 1940 und 1944 st(e)rben 43.441 Personen innerhalb des Ghettos. Im Mai 1941 … (sind) 20.000 Juden mit Tuberkulose infiziert.“75

Auch das Ghetto Litzmannstadt dient als Zwischenstation vor der Deportation in die Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz, Majdanek, Treblinka und Sobibor. Mathilde und Julius Koppel werden am 10. Mai 1942 im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno an der Nehr, 130 km östlich von Posen)76 ermordet.77


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“, 2012 (Doku) S.599f
2   Die Geschichte der jüdischen Familien in Jugenheim wurde vom Denkmalausschuss der ev. Kirchengemeinde Jugenheim erforscht und im Nov. 2010 in der Ausstellung „Opa und Herbert sind fort“ veröffentlicht. Ergebnisse dieser Arbeit sind u.a. Grundlage der Dokumentation (Anmerkung 1). Die Ausstellung ist im Internet veröffentlicht: „Opa und Herbert…“
3   „Opa und Herbert…“ Tafel 2
4   Doku S. 600
5   „Opa und Herbert…“ Tafel 2

6   „Opa und Herbert…“ Tafel 2
7   Museumsverein Burg Tannenberg, Seeheim-Jugenheim e.V.
8   Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, Seeheim o.J. S. 202
9   „Opa und Herbert…“ Tafel 2
10  Doku S. 599

11  www.alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm
12  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2461773
13  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2461773
14  Yad Vashem Photo Archive
15  „Opa und Herbert…“ Tafel 2

16  „Opa und Herbert…“ Tafel 3
17  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2521903
18  www.alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm
19  Museumsverein Burg Tannenberg, Seeheim-Jugenheim e.V.
20  Museumsverein Burg Tannenberg, Seeheim-Jugenheim e.V.

21  „Opa und Herbert…“ Tafel 3
22  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1188159
23  Doku S 602
24  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2530008
25  www.alemannia-judaica.de/images/Images%20274/Jugenheim%20Israelit%2022101925.jpg

26  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2618824
27  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2618818
28  www.alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm
29  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2535359
30  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2537765

31  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2537797
32  de.wikipedia.org/wiki/Der_Israelit
33  sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2541564
34  „Opa und Herbert…“ Tafel 3
35  Doku S. 600

36  Doku S. 601
37  www.alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm
38  www.alemannia-judaica.de/seeheim_synagoge.htm
39  Doku S. 507, 510
40  Doku S. 509

41  Doku S. 507 bis 510
42  Doku S. 511
43  „Opa und Herbert…“ Tafel 5 und 6, Doku S. 507 bis 509
44  Doku S. 509
45  Museumsverein Burg Tannenberg, Seeheim-Jugenheim e.V.

46  Doku S. 509
47  Doku S. 382
48  Doku S. 511
49  Doku S. 512
50  Jutta Reuss u. Dorothee Hoppe, „Stolpersteine in Darmstadt“ 2013 S. 10

51  Doku S. 601
52  Doku S. 604
53  „Opa und Herbert…“ Tafel 3
54  Doku S. 605
55  www.holocaust-chronologie.de/chronologie/1934/mai/01-31.html

56  Doku S. 605
57  „Opa und Herbert…“ Tafel 8
58  Doku S. 605
59  Doku S. 602
60  Doku S. 391

61  „Opa und Herbert…“ Tafel 9
62  Doku S. 602
63  Doku S. 602
64  „Opa und Herbert…“ Tafel 9
65  Bertsch S. 202

66  „Opa und Herbert…“Tafel 3
67  „Opa und Herbert…“Tafel 3
68  „Opa und Herbert…“ Tafel 11
69  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
70  www.tenhumbergreinhard.de/05aaff9c310b0fe15/05aaff9c360ff9610/index.html

71  Doku S. 603, www.tenhumbergreinhard.de/05aaff9c310b0fe15/05aaff9c361172615/index.html
72  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
73  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
74  http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt
75  http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto_Litzmannstadt#Lebensbedingungen

76  https://de.wikipedia.org/wiki/Vernichtungslager_Kulmhof
77  www.bundesarchiv.de/gedenkbuch