Familie Emilie Rosenfeld, Schloß-Straße 8, Seeheim

Emilie Rosenfeld, die in der heutigen Schloß-Straße 8 mit ihrem Mann Hermann und ihren beiden Söhnen Herbert und Erich lebte, war eine ungewöhnlich tapfere Frau.

Die Rosenfelds hatten Max Mayer, Emilies zwei Jahre älteren Bruder, bei sich aufgenommen. Max war auf die Hilfe seiner Schwester angewiesen. Er war fast blind und wurde nicht nur als Jude, sondern auch als Psychiatriepatient von den Nationalsozialisten verfolgt. Am 1. September 1939 leitete Hitler mit einem formlosen Schreiben die Euthanasie-Verbrechen ein: Mehr als achtzigtausend Menschen, vor allem geistig behinderte und psychisch kranke Patienten der Nervenheilanstalten, wurden durch Giftgas getötet.

Die Geschwister Emilie (geb. am 14.4.1888) und Max Mayer (geb. am 21.2.1886) stammen – wie ihr Onkel Rudolf Mayer – aus einer alteingesessenen Seeheimer Familie, die 1492 wegen ihres jüdischen Glaubens aus Spanien vertrieben wurde und seit mehr als 400 Jahren hier an der Bergstraße lebte. Emilie Rosenfeld galt in Seeheim als äußerst fleißige Frau. Gemeinsam mit ihrem Mann Hermann betrieb sie im Untergeschoss des Hauses ein kleines Gemischtwarengeschäft und handelte vor allem mit Textilien. 1922 wurde ihr erster Sohn Herbert geboren und 1925 kam Erich, ihr zweiter Sohn zur Welt. Da ihr Mann Hermann schwach und vermutlich an Leukämie erkrankt war, musste Emilie fleißig zupacken, um die fünfköpfige Familie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten durchzubringen.

Die Nazis haben der Familie Rosenfeld entsetzliches Leid zugefügt: Am 1. März 1933 riefen sie mit Erfolg zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Folge war, dass die Rosenfelds ihren Lebensunterhalt mit dem Lädchen kaum noch bestreiten konnten. Emilie war nun gezwungen, mit einem Korb in der Hand durch den Ort zu gehen, um Menschen zu bitten, ihr etwas abzukaufen. Oft sah man sie mit einem Rucksack auf dem Rücken und ihren hilfsbedürftigen Bruder Max im Arm in die Odenwalddörfer laufen, um dort ein paar Mark durch Hausieren zu verdienen.

Große Sorgen machten ihr die Situation ihrer beiden Kinder. Herbert und Erich besuchten die Seeheimer Volksschule. Als jüdische Schüler waren sie aber bald großen Unannehmlichkeiten und Belästigungen ausgesetzt. Hier zeichnete sich schon etwas von dem ab, was am 10.9.1935 durch den Reichsminister für Erziehung und Volksbildung reichsweit angekündigt wurde: Die vollständige Rassentrennung an allen Schulen. Herbert und Erich Rosenfeld gingen deshalb von 1934-1936 auf die jüdische Schule in Darmstadt, die in der NS-Zeit völlig überfüllt war, unter erheblichem Lehrermangel litt und unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten musste.

Emilie war glücklich, als im Jahre 1936 ihr ältester, 14jährige Sohn Herbert die leidvolle Schulzeit endlich abschließen konnte und – trotz der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse – eine Lehrstelle bei der Simonschen Hofbuchdruckerei in Darmstadt fand. Als die jüdische Firma Simon zwei Jahre später von Ariern übernommen wurde, verloren die dort beschäftigten Juden ihren Arbeitsplatz. Herbert stand auf der Straße.

Emilie Rosenfeld und ihr Mann trafen nun eine folgenschwere und für sie überaus harte Entscheidung: Sie wollten ihrem Sohn Herbert die Flucht nach Amerika zu ihren Verwandten ermöglichen. Die Lage für Flüchtlinge hatte sich dramatisch verschlechtert: Man benötigte nicht nur erhebliche Geldsummen. Längst hatten die aufnehmenden Staaten Einreisesperren erlassen, um sich gegen Flüchtlingsströme aus Deutschland zu schützen. In Amerika durfte nur noch einreisen, wer einen amerikanischen Bürgen fand.

Die Mayers bettelten die für sie gewaltige Summe von 800 RM für die Überfahrt und für das Visum ihres Sohnes irgendwie zusammen. Von seinem in den USA lebenden Verwandten Louis Mayer erhielt Herbert die ersehnte beglaubigte Bürgschaftserklärung (affidavit). Wenige Tage vor der Pogromnacht konnte sich der Junge nach gelungener, abenteuerlicher Flucht in New York anmelden. Für seine Eltern war der Vorgang entsetzlich. Sie wussten, dass sie ihren erst 16-jährigen Sohn unter den gegebenen Verhältnissen nicht wiedersehen würden.

In der Pogrom-Nacht zum 9. November 1938 drang eine Horde fanatischer Nazis in das Haus der Rosenfelds ein. Sie kamen mit Äxten und Beilen, zerhackten die Stühle, werfen Schränke um, zertrümmern das Geschirr und schnitten die Federbetten auf. Der damals 14-jährige Werner Hechler berichtet: „Am frühen Morgen nach der Kristallnacht hörte ich, dass man den Rosenfeldschen Laden ausgeräumt hätte. Natürlich trieb mich die Neugier dahin. Die (damals noch nicht asphaltierte) Straße war menschenleer. Fenster und Türen des jüdischen Hauses waren aufgerissen, der Ofen lag auf der Straße, rundum Wäsche aller Art….“

Wenige Tage nach diesem Schrecken starb Emilies – durch Leukämie sehr geschwächter – Mann Hermann am 30. Dezember 1938. Emilie Rosenfeld war nun völlig verarmt. Sie hatte alles verloren: ihren Broterwerb, ihren Mann und ihren ersten Sohn Herbert. Es gab für sie nun keine Möglichkeit mehr, sich selbst, ihren zweiten Sohn Erich oder ihren hilfsbedürftigen Bruder aus eigener Kraft in Sicherheit zu bringen.

Und doch handelte die tapfere Frau: Mutig bereitete sie die Rettung auch ihres zweiten Kindes vor. Was muss in einer Mutter vorgehen, wenn sie in einer derart fürchterlichen Situation auch noch ihren zweiten, erst knapp 14-jährigen Sohn für immer hergeben muss, um ihn zu retten? Am 10.3.1939 übergab Emilie Rosenfeld ihren jüngsten Sohn Erich dem israelitischen Waisenhaus im Röderbergweg in Frankfurt.

Seit 1918 wurde das Waisenhaus von Isidor und Rosa Marx geleitet. Die beiden nahmen seit 1935 auch Kinder völlig verarmter jüdischer Eltern auf und versuchten Ausreisemöglichkeiten (nach Frankreich, USA, Palästina, Schweiz, Belgien, Niederlande, England) und mit Hilfe ausländischer jüdischer Organisationen entsprechende Bürgschaften für die Kinder zu erkunden und wenn möglich zu organisieren. Zu den etwa 1.000 Kindern, die Rosa und Isidor Marx retten konnten, gehörte auch Erich Rosenfeld.

Er erhielt einen Reisepass und wurde im August 1941 mit Hilfe von Hebrew Imigration Aid Society in Berlin in den Zug gesetzt und in einem plombierten Abteil über Lissabon nach Amerika gebracht. Der Zug fuhr auch durch Hessen und hielt in Frankfurt. Der Junge hatte keine Ahnung, wie seine Mutter davon erfahren hat. Emilie Rosenfeld stand in Frankfurt auf dem Bahnsteig und sah dort ihren erst 14 jährigen Sohn Erich zum letzten Mal. Erich Rosenfeld war der letzte Seeheimer Jude, der gerettet wurde.

Emilie Rosenfeld hat auch ihren Bruder Max verloren. Sie hatte ihn in die Psychiatrie In Heppenheim einweisen lassen müssen. Später wurde ihr mitgeteilt, ihr Bruder sei nach Cholm in Polen transportiert worden und dort am 17.3.1941 gestorben.

Zum Schicksal von Max Mayer schrieb uns ein Mitarbeiter des Bundesarchivs in Berlin-Lichtenfelde: „Bei der Euthanasie, d.h. der gezielten Ermordung von psychisch Kranken, wandte das NS-Regime verschiedene Verschleierungsmaßnahmen an. Darunter zählten gefälschte Sterbebescheinigungen, die in Todesursache, Todesdatum und Todesort nicht der Wahrheit entsprachen. Das Todesdatum wurde in der Regel fiktiv nach hinten verlegt, damit niemandem auffallen sollte, dass 100 oder 200 Menschen direkt an einem einzigen Tag eines angeblich natürlichen Todes gestorben sind. Als Todesort wurde Cholm im Generalgouvernement gewählt, um einen Ort zu haben, der so weit weg war, dass Angehörige dort nicht hinreisen würden. In Cholm hatte eine Heil- und Pflegeanstalt bestanden, deren Patienten aber alle komplett zu Beginn der Euthanasie ermordet wurden. Die angeblich vom Standesamt Cholm ausgefertigten Sterbebescheinigungen wurden in Wirklichkeit (in einer Villa) in der Berliner Tiergartenstraße (Nr. 4 ) erstellt und dann per Kurier in Cholm in die Post gegeben. All dies trifft auch auf Max Mayer (*21.02.1886 Seeheim) zu. Der Tod in Hadamar ist durch Auskunft der Gedenkstätte in Hadamar belegt.“ Max Mayer wurde in Wirklichkeit am 4. Februar 1941 nach Hadamar bei Limburg deportiert und am gleichen Tage ermordet.

Weil die Villa in der Berliner Tiergartenstraße 4 das reichsweite Organisationszentrum für die Euthanasie bildete und man die Ermordung von zigtausend kranken Menschen deshalb als Aktion T4 bezeichnete, sind alle Stolpersteine für die entsprechenden Opfer mit dem Hinweis „Aktion T4“ versehen.

Ab dem 15. September 1941 wurde Emilie Rosenfeld durch die ‚Polizeiverordnung zur Kennzeichnung von Juden‘ gezwungen, den Judenstern zu tragen. Bevor sie im Herbst 1942 nach Polen deportiert wurde, musste sie ihren Familienschmuck abliefern. Noch vorhandene Geldmittel wurden zugunsten des Reiches eingezogen. Restliche Besitzstände wurden vom Finanzamt Bensheim nach der Deportation öffentlich versteigert. Bereits 1941 war das Anwesen der Rosenfelds veräußert und vom Landrat des Kreises Darmstadt einer anderen Seeheimer Familie zugewiesen worden.

Emilie Rosenfeld hat die Deportation nicht überlebt. Sie blieb verschollen. Man hat den 8. Mai 1945 als ihren Todestag festgelegt.


Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bilder: Robert Bertsch, Eigenfoto, Dokumentation Geschichtswerkstatt
Textgrundlage: Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, Seeheim-Jugenheim 2012, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“ / Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, Seeheim-Jugenheim, o. J.