Familie Auguste Frank, Darmstädter Straße 7, Seeheim

Familie Auguste Frank 1Auguste Frank (geb. Mayer) wurde am 26.2.1862 in Seeheim geboren.1 Sie war verheiratet mit Max Friedrich Frank und lebte mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Hermann (geb. am 1.3.1890)2 und Norbert (geb. am 26.2. 1894)3 in der Darmstädter Straße 7.

Das Haus war seit 1712 in jüdischem Besitz: Schon bei der Volkszählung 1861 sind die Vorfahren der Auguste Frank erwähnt.4 Damals lebten in Seeheim offenbar nur Menschen, die entweder zur evangelisch-lutherischen Gemeinde oder zum Judentum gehörten.5

Jedenfalls besuchten die Kinder aller Seeheimer Bürger den gemeinsamen evangelischen Kindergarten, der seit dem 28. Oktober 1877 in der Mühltalstraße 1 eröffnet worden war.6 Etwa um die Jahrhundertwende gehörte auch Norbert Frank zu dieser Kindergartengruppe. Auch Norberts vier Jahre älterer Bruder Hermann Frank wird diesen Kindergarten besucht haben.

Familie Auguste Frank 2Später wurden Hermann und Norbert Frank tatkräftige Förderer des Sports in Seeheim: Sie engagierten sich u.a. auch für den Bau des ersten Sportplatzes in ihrer Heimatgemeinde.7 Leider sind bisher nur wenige Quellen bekannt, die über die Familie Frank genauere Auskunft geben. So wissen wir über die Kinderjahre von Hermann und Norbert Frank ebenso wenig wie über die berufliche und wirtschaftliche Situation ihrer Eltern.

Auch über den beruflichen und familiären Werdegang von Hermann Frank gibt es kaum Informationen. Er hat später in der Seeheimer Karolinenstraße gewohnt, ist deutlich vor der NS-Zeit mit seiner Frau nach Worms gezogen8 und hat schon vor 19289 die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen. Einem polizeilichen Aktenvermerk vom 19. Juli 1935 ist zu entnehmen, dass sich die Ehefrau von Hermann Frank zu diesem Zeitpunkt in Seeheim aufgehalten hat.10

Norbert Frank erlernte den Beruf des Kaufmanns und wurde Börsenmakler.11 Tätig war er an der Börse in Frankfurt.12 Nach der Heirat13 und der Geburt der beiden Kinder Egon (geb. am 20.3.1919 in Düsseldorf)14 und Inge (geb. am 17.3.1920 in Luzern)15 wohnte die junge Familie ab 1923 in ihrem Haus in der Albert Schweitzer Straße 5.16

Der Seeheimer Zeitzeuge Wilhelm Geibel erinnerte sich gut an das inzwischen abgerissene Haus der Familie Frank in der Albert Schweitzer Straße: Inge Frank war seine Klassenkameradin und Egon Frank ein guter Freund. Oft trafen sich die Kinder im Haus Frank zum Tischtennisspielen.17

Einem Eintrag vom 19.9.1932 im Abmelderegister der Gemeinde Seeheim-Jugenheim ist zu entnehmen, dass die Mitglieder der Familie Norbert Frank zu diesem Zeitpunkt bereits Staatsbürger der Schweiz waren und von Seeheim nach Darmstadt in die Heidelberger Straße 9 umgezogen sind.18 Im Stadtarchiv Darmstadt liegt der Anmeldebogen der Familie Norbert Frank vom 19.9.1932 vor. Auch in den Darmstädter Adressbüchern von 1933 und 1934 ist Norbert Frank aufgeführt. Ab 1935 fehlt ein entsprechender Eintrag.19

In einem Bericht der Bergsträßer Zeitung vom 31.12.1933 wurden die Brüder Norbert und Hermann Frank beschuldigt, an Devisenverschiebungen beteiligt gewesen zu sein: Sie sollen deutsche Wertpapiere (Kommunalanleihen und Pfandbriefe) in der Schweiz zu billigen Kursen gekauft, nach Deutschland geschmuggelt und hier zu einem deutlich höheren Kurs wieder verkauft zu haben. Der Erlös sei wieder in die Schweiz geschmuggelt worden, um dort abermals neue Effekten einzukaufen. Norbert Frank sei daraufhin in Seeheim verhaftet worden und habe später vergeblich versucht, aus der Untersuchungshaft zu fliehen.20

Die Umstände der Auswanderung von Norbert Frank und seiner Familie in die Schweiz sowie der genaue Zeitpunkt seiner Übernahme der Schweizer Staatsbürgerschaft sind unklar. Eine Anfrage beim Hessischen Hauptstaatsarchiv ergab, dass Norbert Frank nicht in die Liste der Verfolgten aufgenommen wurde.21

Am 19.9.1935 emigrierte Auguste Frank nach Zürich.22


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, o.J. S. 159
2   Bertsch S. 165
3   Bertsch S. 164
4   Bertsch S. 17, 152, 154
5   Bertsch S. 16

6   Heimatbuch Seeheim-Jugenheim, o.J. S. 155
7   Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim, Seeheim-Jugenheim 2012, S. 498/9
8   Aussage von Wilhelm Geibel am Do, den 29.11.2012 in seiner Wohnung, Waldstraße 4
9   Bertsch S. 165
10  Dokumentation S. 590, vgl. Bertsch S. 159

11  Bertsch S. 17
12  Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“, Seeheim Jugenheim 2012, S. 590
13  Bertsch gibt an, Norbert Frank sei mit Martha Stremel verheiratet gewesen (S. 17,(165)). Die Einträge in das „Anmelderegister der Gemeinde Seeheim von 1912-1936“ (Bertsch S. 164–165) lassen jedoch vermuten, dass hier eine Verwechslung vorliegt: Martha Stremel scheint die Frau von Hermann Frank gewesen zu sein (Bertsch S. 165) während Norbert Frank mit Eleonore verheiratet gewesen zu sein scheint. (Bertsch S. 164)
14  Bertsch S. 164
15  ebd.

16  Bertsch S. 159
17  Gespräch mit Wilhelm Geibel vom Do, den 29.11.2012 in seiner Wohnung, Waldstraße 4
18  Bertsch S. 166
19  Mail von Anke Leonhardt, Stadtarchiv Darmstadt vom 30. Juni 2014
20  Dokumentation S. 316 Der Devisenschmuggel war in Zeiten der Wirtschaftskrise äußerst lukrativ: Beginnend mit dem englischen Pfund (September 1931) war die überwiegende Zahl der Währungen gegenüber der Reichsmark drastisch abgewertet worden. Im Frühjahr 1933 stürzte der US-Dollar jäh ab. (Spiegel 22.1.14)

21  Mail des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden vom 12. Juni 2014
22  Bertsch S. 159