Dr. Julius Sachse, Alsbacher Straße 34, Jugenheim

Dr. Julius Sachse wurde am 1. März 1865 in Berlin1 als Sohn des David Sachse und dessen Ehefrau Berta, geb. Lewinsohn, geboren.2

Dr. Julius Sachse 1Einzelheiten seines Lebenslaufes sind uns unbekannt. Wir wissen jedoch, dass der pensionierte Bergwerksdirektor Dr. Julius Sachse im Alter von 62 Jahren am 2. November 1927 nach Jugenheim in das von ihm neu errichtete Einfamilienhaus in der Alsbacher Straße 34 zog,3 um im Luftkurort Jugenheim an der Bergstraße seinen Ruhestand zu genießen. Offenbar war Dr. Julius Sachse nicht verheiratet. 31 Jahre lang lebte er mit der nichtjüdischen Elsbeth Brüning zusammen, die – ebenso wie eine Hausangestellte – als Hausdame mit ihm gemeinsam auch in Jugenheim wohnte.4

Es waren sehr schwere Jahre, die Dr. Julius Sachse in Jugenheim erlebte. Die NS-Diktatur betrieb von Anfang an massiv die Demütigung und Verfolgung der Juden: Schon im Jahre 1933 wurden 44 Gesetze und Verordnungen erlassen, die die Rechte der Juden massiv beschnitten. Bis zum Sommer 1935 waren es bereits 70.5 1938 schikanierten die Nazis jüdische Hausbesitzer durch drastische Rechtsvorschriften und bereiteten deren Enteignung vor:

Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden vom 26.4.1938

„Alle Juden – sowie auch deren nichtjüdische Ehepartner – (…) (müssen) bis zum 30. Juni 1938 ihr gesamtes in- und ausländisches Vermögen offenlegen, wenn es 5.000 RM übersteigt. Ausgenommen sind Gegenstände zum persönlichen Gebrauch und Hausrat, soweit es sich nicht um Luxusgegenstände handelt. Jede künftige  Vermögensveränderung, die „über den Rahmen einer angemessenen Lebensführung oder des regelmäßigen Geschäftsverkehrs hinausgeht“, muß unverzüglich mitgeteilt werden. Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis und Geldstrafe, in besonders schweren Fällen mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bestraft. Außerdem kann Einziehung des Vermögens angeordnet werden. Nach § 7 kann der Beauftragte für den Vierjahresplan (Göring) Maßnahmen treffen, „um den Einsatz des anmeldepflichtigen Vermögens im Einklang mit den Belangen der deutschen Wirtschaft sicherzustellen“ – d.h. vor allem Beschlagnahmungen und Enteignungen vorzunehmen. Jedes Rechtsgeschäft, an dem ein Jude beteiligt ist (z.B. Verkauf oder Verpachtung eines Betriebs), ist genehmigungspflichtig. (…) (RGBl I, S. 414-416)“6

Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30.4.1939

„(…)Juden dürfen nur an Juden untervermieten; sie müssen in ihren Wohnräumen auf Verlangen der Gemeindebehörde andere Juden als Mieter oder Untermieter aufnehmen.“7

Bestimmung über die Enteignung der Juden vom 16.8.1939
„Juden müssen ihr gesamtes Vermögen auf besondere Konten bei zugelassenen Devisenbanken einzahlen. Die Abhebung von den Konten ist genehmigungspflichtig. Auf diese Depots sind auch alle Beträge einzuzahlen, die Juden in Zukunft erhalten. (Walk, S. 300)“8

Vor diesem eindeutigen Hintergrund versuchte Dr. Julius Julius Sachse im Jahre 1939, sein Anwesen in der Alsbacher Straße 34 seiner nichtjüdischen Hausdame Elsbeth Brüning zu übertragen:
 Er gab an, diese habe sich bereits an den Baukosten des Einfamilienhauses mit 4.615 RM beteiligt.9 Als Kaufpreis für das Haus wurde am 30.9.1939 ein Betrag von 13.500 RM festgelegt.10 „… (A)us Dankbarkeit für (…) ihre Fürsorge und Aufopferung (…) hat ihr Dr. Sachse das Grundstück zukommen lassen.“11 Diese Vermögensübertragung gelang nicht dauerhaft: Im Jahre 1944 verfiel das Anwesen des Dr. Julius Sachse an das Deutsche Reich.12

Am 21. September erschien 1939 der Gendarmerie-Wachtmeister Hugo Falter in der Alsbacher Straße 34, um im Namen der Gestapo den Radioapparat Dr. Sachses zu beschlagnahmen und den vom Reichssicherheitshauptamt im Kontext des Kriegsbeginns veröffentlichten Erlass vom 20.9.1939 umzusetzen:

Erlass zur Beschlagnahme von Rundfunkapparaten vom 20.9.1939

„Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenlosen Juden wird der Besitz von Rundfunkempfängern verboten. Das Verbot gilt auch für Nichtjuden, die in mehrheitlich von Juden bewohnten Häusern leben, und für „Mischlinge“. Für „Mischehen“ gelten besondere Anweisungen. Die Betroffenen sind verpflichtet, ihre Geräte entschädigungslos abzuliefern. (Walk, S. 307)“13

Elsbeth Brüning berichtete später von Anfeindungen der Jugenheimer Parteileitung, weil sie als Nichtjüdin versucht habe, NS-Schikanen gegen Dr. Sachse im Alltag aufzufangen und auszugleichen.14

Die Deportation und Ermordung des Dr. Sachse konnte auch Elsbeth Brüning nicht verhindern: Im September 1942 wurde der Bergwerksdirektor a.D. verhaftet und zunächst nach Darmstadt verschleppt. Dort wurden die „Opfer aller (von Darmstadt ausgehenden) Transporte des Jahres 1942 … vor der Deportation in der Justus-Liebig-Oberschule (Lio) kaserniert“15

Dr. Julius Sachse wurde Opfer der zweiten Darmstädter Massendeportation. Offenbar verlief diese brutale Aktion weniger zügig: In Zusammenhang mit dem ersten Darmstädter Massentransport, bei dem am 25. März 1942 1.000 Menschen von der Lio zum Darmstädter Güterbahnhof getrieben und dann nach Piaski verschleppt wurden, fiel der Unterricht in der Lio nur an zwei Tagen aus.

Im Herbst 1942 blieb die Schule jedoch fast drei Wochen geschlossen.16 Die kasernierten Opfer mussten tagelang mit dünner Wassersuppe und einem Strohlager vorlieb nehmen, mehrere alte Menschen starben in dieser Schule.17

Die zweite Darmstädter Massendeportation von 1288 meist älteren jüdischen Bürgern erfolgt am Sonntag, dem 27. September 1942. Unter den 1.288 meist älteren jüdischen Bürgern, die von der Lio aus über die Bismarckstraße zum Güterbahnhof getrieben wurden, befanden sich u.a. Dr. Julius Sachse aus Jugenheim, Rudolf Mayer aus Seeheim sowie einige Menschen aus dem jüdischen Altersheim in der Eschollbrücker Straße 4 (Darmstadt) – aber auch 8 Kinder.

Ziel dieses Transportes war Theresienstadt18 (Tschechisch Terezín), die ehemalige kleine Festungsstadt etwa 60 Kilometer nördlich von Prag, die von den Nazis ab Oktober 1941 in ein Konzentrationslager verwandelt wurde.19

Dr. Julius Sachse 2Nachdem die berüchtigte Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 den Völkermord an den Juden beschlossen hatte, erreichten von „… Juni 1942 an … Transporte mit Tausenden von alten und kriegsversehrten Juden aus ganz Deutschland und Österreich Theresienstadt. 
Für etwa 7.000 Menschen gebaut, hatte die Stadt plötzlich mehr als 50.000 Personen unterzubringen. Wohnraum und Wasserversorgung waren unzureichend, das Essen knapp, die Krankenstationen schlecht ausgestattet, und es fehlte an Medikamenten. Überbevölkerung, Schmutz, Hungerrationen, schwere Arbeit und Infektionskrankheiten ließen die Sterblichkeitsrate steil ansteigen. Gegen September 1942 gab es pro Tag durchschnittlich 131 Tote. Außerdem dezimierten die Deportationen nach Auschwitz die Zahl der Lagerinsassen. Zwischen 1941 und 1945 wurden insgesamt 141.000 Menschen nach Theresienstadt gebracht; 33.430 starben dort; und 88.000 wurden in die Todeslager im Osten verschleppt (nur 3.500 überlebten).20

Für Dr. Julius Sachse stellte die NS-Bürokratie – vermutlich mit Hilfe von zwangsverpflichteten Häftlingen (dem jüdischen Ältestenrat) – am 30.12.1942 eine „Todesfallanzeige“ aus: Sein Sterbetag war der 30.12.1942.21 Unter den 33.400 Opfern, die an den Zuständen in Theresienstadt starben, befanden sich auch Rudolf Mayer aus Seeheim (gest. am 2. Januar 1942), sowie die Schwester Sigmund Freuds, Esther Adolfine Freud (gest. am 29.9.1942)22 und Trude Herzl Neumann, die Tochter von Theodor Herzl, (gest. am 15. März 1943)23

Dr. Julius Sachse 3Nach dem Krieg musste Elsbeth Brüning in einem Entschädigungsverfahren um ihre Rechte an dem Anwesen in der Alsbacherstraße streiten. Unterstützt wurde sie dabei von Louise Türck, der überlebenden Tochter von Dr. Siegfried Brodnitz, und vom Jugenheimer Bürgermeister Philipp Hofmeyer. Beide gaben Eidesstattliche Erklärungen für Elsbeth Brüning ab. Hofmeyer schrieb am 25. Oktober 1951: „Frl. Brüning lebte mit Herrn Dr. Sachse 31 Jahre zusammen und war mit ihm sehr eng verbunden. Als früherer Bürgermeister kann ich bestens versichern, daß Frl. Brüning Herrn Dr. Sachse in der Zeit der Judenprogrome persönlich sowohl als auch sein Eigentum beschützt hat und jederzeit für ihn eingetreten ist. Ich kann ebenso versichern, daß Herr Dr. Sachse auch Frl. Brüning in allen Dingen versorgt hat und schon bei dem Bau des Hauses im Jahre 1927 den Entschluß hatte, in späteren Jahren das Anwesen Frl. Brüning zu überlassen, damit sie in ihrem Alter versorgt ist.“24


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Die Geschichte der jüdischen Familien in Jugenheim wurde vom Denkmalausschuss der ev. 
 Kirchengemeinde Jugenheim erforscht und im Nov. 2010 in der Ausstellung „Opa und Herbert sind fort“ 
veröffentlicht. Ergebnisse dieser Arbeit sind u.a. Grundlage der Dokumentation (Vgl. Anm. 3) Die o.g. Ausstellung ist im Internet zugänglich: „Opa und Herbert…“. „Opa und Herbert…“: Tafel 12, vgl. auch: www.bundesarchiv.de
2   http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.12608
3   Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“ 2012, (Doku) S. 598
4   Doku S. 599
5   Jutta Reuss und Dorothee Hoppe, „Stolpersteine in Darmstadt“, 2013, S. 10

6   www.holocaust-chronologie.de
7   www.holocaust-chronologie.de
8   www.holocaust-chronologie.de
9   Doku S. 598
10  Doku S. 599

11  „Opa und Herbert…“ Tafel 12
12  Doku S. 599, Anmerkung 636
13  www.holocaust-chronologie.de, „Opa und Herbert….“ Tafel 12
14  Doku S. 599
15  Jutta Reuss und Dorothee Hoppe, „Stolpersteine in Darmstadt“, 2013, S. 20

16  Magistrat der Stadt Darmstadt, „Judendeportation aus Darmstadt 1942/43“ 1992 S. 12
17  Magistrat der Stadt Darmstadt, „Judendeportation aus Darmstadt 1942/43“ 1992
18  Jutta Reuss und Dorothee Hoppe, „Stolpersteine in Darmstadt“, 2013, S. 18
19  www.cine-holocaust.de
20  www.cine-holocaust.de

21  http://109.123.214.108/de/document/DOCUMENT.ITI.12608
22  www.holocaust.cz
23  margarethe_gertrude_herzl.pdf
24  Doku S. 599