Dr. Arthur Mayer und Marguerite Mayer,
Albert Schweitzer Straße 6, Seeheim

Dr. Arthur Mayer war überhaupt der erste Arzt, der sich im damals kleinen Dorf Seeheim niedergelassen hatte. Zunächst praktizierte er in seinem Elternhaus in der Darmstädterstraße 9. Aber im Jahre 1919 eröffnete er im stattlichen Anwesen in der heutigen Albert Schweitzer Straße 6 seine eigene Praxis. Der junge Mediziner war damals 31 Jahre alt und frisch verheiratet mit der erst 17-jährigen Marguerite Benedict aus Mulhouse in Lothringen.

Er wurde am 20.1.1888 als Kind von Salomon und Treidchen (Gertrud) Mayer in eine jüdische Familie hineingeboren, die seit 1698 an der Bergstraße lebte. Aufgewachsen ist er mit seinen Brüdern Milton und Robert. Arthur Mayer genoss eine solide Schulbildung, studierte Medizin und war danach zunächst als Schiffsarzt tätig. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, legte das Schiff gerade in New York an. Der junge Mann eilte so schnell wie möglich in die Heimat zurück, um sich – ebenso wie sein Bruder Robert – freiwillig zum Kriegseinsatz zu melden. Die Brüder kämpften an der Front und wurden beide  dafür mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Auch ihr Bruder Milton geriet als deutscher Soldat in englische Kriegsgefangenschaft.

Nach Kriegsende war Dr. Arthur Mayer 13 Jahre als praktischer Arzt in Seeheim tätig und hatte sich eine allseits anerkannte, gut besuchte, solide Praxis aufgebaut.

Dr. Arthur Mayer war ein hilfsbereiter, großzügiger und sehr sozial eingestellter Mensch: Arbeitslose und bedürftige Patienten behandelte er auch ohne Bezahlung. An Weihnachten verteilte er Pakete an die Armen. Als Mitte der zwanziger Jahre die Arbeiterwohnsiedlung „Schlackenhausen“ in der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße in Selbsthilfe entstand, setzte er sich dafür ein, dass Menschen in Geldnot Darlehen gewährt wurden. Er war Mitglied bei den Ringern im Kraftsportverein, im allgemeinen Turn-und Sportverein und im Arbeiter- und Gesangsverein. Fotos bezeugen, dass er sich auch als Laiendarsteller in einer Seeheimer Aufführung von Schillers „Kabale und Liebe“ erprobte.

1920 warnte der engagierte Arzt vor einer Ruhrseuche und empfahl den Seeheimern, das Kirchweihfest ausfallen zu lassen. Man setzte sich über seinen Rat hinweg: Viele Seeheimer steckten sich bei der Kerwe gegenseitig an, so dass die Seuche sich schnell ausbreitete und viele starben.

Unmittelbar nach den Schrecken des ersten Weltkrieges engagierte sich Dr. Arthur Mayer politisch. Er trat der SPD bei und stellte sich zur Wahl in den Gemeinderat zur Verfügung. Es gelang ihm, Ende 1922 eine sozial­demokra­tische Gemeinderatsmehrheit (mit über 50% der Stimmen) zu erzielen. Die Nachkriegszeiten waren schwierig: Zusammenbruch, Arbeitslosigkeit, Hunger, Scheindemokratisierung durch die im November 1918 eingerichteten Arbeiter- und Bauernräte. Im bürgerlichen Lager wuchs die Angst vor Anarchie und Bolschewismus.

An die Spitze des wilhelminischen, bürgerlichen Lagers zur Bekämpfung der „vaterlandslosen Gesellen“ stellte sich der Seeheimer Pfarrer Marguth, der die sozialistischen Ideen geißelte. In der ‚Kirchenchronik der ev. Kirche von Seeheim 1919-1922 findet sich folgender Eintrag von Pfarrer Marguth: „Neue Beunruhigung in das Seeheimer politische Leben brachte der 1919 hier aufziehende, von hier stammende jüdisch-freisinnige Arzt Dr. Arthur Mayer… . Sehr begabt, energisch, skrupellos bedeutet er eine Gefahr für die religiös-sittliche Erholung der Gemeinde. Ich spüre ihn überall als Gegenspieler der Kirche. Die wenig feste und treue Art der Seeheimer kommt ihm entgegen. Es gelang ihm, Ende 1922 eine sozialdemokratische Gemeinderatsmehrheit zu erzielen.“ Der Streit zwischen Dr. Mayer und Pfarrer Marguth entzündete sich an der Errichtung eines Denkmals  für die Gefallenen des 1. Weltkrieges. Der ev. Frauenverein hatte bereits drei Gedenktafeln für die Dorfkirche gestiftet. Auf  Veranlassung von Dr. Mayer kam es zur Errichtung eines außerkirchlichen Denkmals, welches sich heute an der Mauer des alten Friedhofes, links des östlichen Eingangstores befindet.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verboten die neuen Judengesetze, dass jüdische Ärzte „Arier“ behandelten. Der Niedergang der bis dahin gut florierenden Praxis war vorgegeben. Arthur und Margarete Mayer planten eine Auswanderung in die USA oder nach Kanada. Weil die Schwiegereltern befürchteten, ihre Kinder nie mehr wiederzusehen, flohen diese  nach Frankreich:   Am 10. Oktober 1933 meldete sich zunächst Margarete polizeilich in Seeheim ab und zog  zu ihren Eltern nach Metz. Später – am 6.4.1934 – gelang auch Dr. Arthur Mayer die Flucht. Weil in Frankreich der deutsche Medizin-Studiengang nicht anerkannt wurde, lebte die junge Familie von den Ersparnissen der Eltern. Als Dr. Mayer von Frankreich aus versuchte, ihm zustehende Gebühren früherer Patienten zu erhalten, schrieb die längst faschistisch ausgerichtete „Bergsträßer Zeitung“: „Jüdische Frechheit. Anfang  März ist der hiesige jüdische Arzt Dr. A. Mayer, ein bekannter Marxist, auf Grund seines schlechten Gewissens geflohen. In letzter Zeit erlaubt sich dieser Verräter bei seinen früheren Patienten rückständige Gelder … einziehen zu lassen und hätte sehr wahrscheinlich mit dem Geld deutscher Volksgenossen im Ausland weiter gegen Deutschland gehetzt. Es wurden sofort Schritte unternommen, um diesen Zustand zu unterbinden.“

Nach dem Tod des Schwiegervaters zogen Arthur und Margarete mit ihrer Mutter nach Paris. Als die Deutschen auch dort einmarschierten, flohen sie weiter nach Lyon. Am 5.2.1940 wurden sie zu Staatsfeinden erklärt und verloren ihre deutsche Staatsangehörigkeit. 1942 mussten sie – wie alle Juden – diskriminierende Zusatznamen annehmen: Dr. Arthur Israel Mayer und Margarete Sara Mayer.

Nachdem am 11. November 1942 die deutsche Wehrmacht Südfrankreich besetzte, wurden bei einer Razzia im Jahre 1943 alle drei Flüchtlinge von den Schergen gefasst, zunächst in ein Gefängnis in Lyon gebracht und am 7.10.1943 von Drancy nach Auschwitz deportiert.

Am 10. Oktober 1943 kam der Transport von 1.000 Juden in Auschwitz an. Nach allem, was wir wissen, wurden Marguerite Mayer und ihre Mutter vermutlich gemeinsam mit 489 weiteren Menschen sofort in den Gaskammern ermordet. Die übrigen Frauen und Männer registrierte man dagegen als arbeitsfähige Häftlinge: Sie erhielten die Nummern 156.940 bis 157.379. Darunter auch Arthur Mayer: Ihm wurde die Nummer 157.148 auf den Unterarm tätowiert.

16 Monate lang wurde Arthur Mayer in Auschwitz gequält. Er erkrankte an Tuberkulose und wurde sehr schwach. Als am 27. Januar 1945 sowjetische Truppen Auschwitz befreiten, brachten sie den sterbenskranken Mann wohl noch in ein polnisches Krankenhaus. Sein Leben konnte nicht mehr gerettet werden.


Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bilder: Robert Bertsch und Eigenfoto
Textgrundlage: Dokumentation der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, Seeheim-Jugenheim  2012, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim-Jugenheim“ / Robert Bertsch, „Juden in Seeheim und Jugenheim“, Seeheim-Jugenheim, o. J.