Ada Brodnitz, Zwingenberger Straße 20, Jugenheim

Informationen über Ada Brodnitz liegen uns bisher leider nur äußerst begrenzt vor. Bekannt ist, dass Adolfine Ada Brodnitz am 25. Oktober 1874 in Posen geboren wurde.1 Später übernahm sie offenbar den Namen ihres Ehemannes und nannte sich Ada Grünfeld.2 Daten über ihren Ehemann liegen nicht vor.

Am 2.2.1899 wurde ihr Sohn Alfred geboren.3 Als sie am 30. September 19194 zu ihrem Bruder Dr. Siegfried Brodnitz in die „Villa Trier“ in der Jugenheimer Hauptstraße 48 zog, hatte sie wieder ihren Mädchennamen angenommen.5

Doris Turck, die Enkelin von Dr. Siegfried Brodnitz, hat in mehreren Gesprächen folgendes berichtet: Ada Brodnitz habe ihren Sohn Alfred alleine durchbringen müssen und sei auf die Hilfe ihres Bruders, Dr. Siegfried Brodnitz, angewiesen gewesen.6 Ruth Turck schreibt, die junge Mutter habe verhindern wollen, dass das Sorgerecht für das Kind dem Vater zufällt. Sie sei mit ihrem Sohn illegal nach England gegangen und habe bei der Aus- und Einreise Grenzkontrollen gemieden, denn zur damaligen Zeit habe man das Sorgerecht legal nicht den Müttern überlassen.7

Dr. Siegfried Brodnitz hat seinem Neffen Alfred den Besuch der angesehenen Dragon School in Oxford finanziert.8 Später konnte Alfred die berühmte Bedford School als Internatsschüler besuchen. Zeit seines Lebens war „Fred“ für diese gute Ausbildung dankbar.9 Ada Brodnitz zog zunächst nach Oxford – vermutlich zum Studium der englischen Sprache – und dann nach London. Ungeklärt ist, warum sie 1919 zurück nach Deutschland kam.

Stolpersteine Ada Brodnitz 1Nicht lange blieb Ada Brodnitz im Hause ihres Bruders in der Hauptstraße 48: Gemeinsam mit ihrer Partnerin Helene Koch eröffnete sie um 1930 in der Zwingenberger Straße 20 eine Sprachschule für englisch-sprechende Studenten, die Deutsch lernen wollten. Das Haus gehörte seit 1897 der Schriftstellerin Henriette (Henny) Koch. Nach deren Tod übernahm ihre Schwester Helene Koch das Haus in der Zwingenberger Straße 20.10 Die Frauen gaben ihrem Domizil den Namen „die Klause“: Sie fühlten sich in ihrer Behausung ungestört und wohl. 1933 beendeten die Nazis diesen Zustand; eine derart weltoffene Sprachschulung für ausländische Studenten durch jüdische Bürger ließen sie nicht mehr zu.

Im Jahre 1936 emigrierte Ada Brodnitz nach England. Im Exil legte sie ihren Familiennamen ab und nannte sich jetzt Ada Gloster.11

1938 folgte ihr Helene Koch, zog nach Oxford und verkaufte am 14. März 1939 – wenige Monate vor Beginn des zweiten Weltkrieges – die Klause. Helene Koch starb am 25. November 1943 im Alter von 77 Jahren in Oxford.12

Doris und Ruth Turck haben ihre Tante Ada Gloster in guter Erinnerung: sie sei eine beeindruckende, disziplinierte, großzügige Frau gewesen.

Am 5. Juni 194413 wurde die von Ada Gloster sehr geliebte Enkeltochter Elizabeth geboren, die später als Dame Elizabeth Gloster eine der angesehensten Richterinnen des Landes werden sollte.14

Ada Gloster starb im Jahre 1957.15


Bild- und Textzusammenstellung: Klaus Knoche
Bild- und Textnachweis:
1   Anmelderegistrierbuch von Jugenheim Reg. Nr. 490 vom 30. September 1919 (Archiv Jugenheim Abt. XVIII Konvolut 5, Fasz. 3). Ekkehart Seitz gibt als Geburtsdatum den 17.10.1874 an. (vgl. Dokumentation, Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl, „Opfer des Nationalsozialismus aus Seeheim Jugenheim“, Bensheim 2012, S. 596)
2   Dokumentation S. 596
3   Doris Turck, die Enkelin von Dr. Siegfried Brodnitz vermutete, dass Alfred im Jahre 1900 geboren wäre. Ihre Schwester Ruth Turck hat uns aber folgendes mitgeteilt: Alfred sei von der Familie „Fred“, von seiner Ehefrau Betty aber „Peter“ genannt worden. Sein Grab befindet sich in Cowden, Sussex. Auf dem Grabstein ist als Geburtsdatum der 2.2.1889 und als Sterbedatum der 4.7.1991 eingetragen. Da sich Ada Brodnitz nach Ihrer Flucht in England Ada Gloster nannte, ist auf dem Grabstein ihres Sohnes der Name Peter Gloster angegeben.
4   Vgl.: Stephanie Goethals, „Die jüdischen Familien Jugenheims“ in: 750 Jahre Kirche auf dem Heiligenberg o.J., S. 261 (Anm. 222)
5   Dies belegt der Eintrag in das Anmelderegistrierbuch von Jugenheim Reg. Nr. 490 vom 30. September 1919 (Archiv Jugenheim Abt. XVIII Konvolut 5, Fasz. 3).

6   zuletzt per Telefon am 26.8.2014
7   Mail von Ruth Turck vom 8.9.14
8   Mail von Ruth Turck vom 8.9.14
9   Mail von Ruth Turck vom 8.9.14
10  Auch in den Erinnerungen von Henny und Helene Koch ist von Ada Brodnitz und nicht von Ada Grünfeld die Rede, http://hennykoch.gmxhome.de/Zeittafel.html

11  Dokumentation S. 596
12  http://hennykoch.gmxhome.de/Zeittafel.html
13  http://en.wikipedia.org/wiki/Elizabeth_Gloster
14  Mail von Ruth Turck vom 8.11.14, http://en.wikipedia.org/wiki/Elizabeth_Gloster
15  Dokumentation S. 596