Erinnern – Stolpersteine in Seeheim-Jugenheim

„Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist“
(Gunter Demnig)

Zur Erinnerung an verfolgte jüdische Bürger hat der Künstler Gunter Demnig am 10. April 2013 die ersten 13 Stolpersteine in Seeheim-Jugenheim verlegt. Damit gibt die Gemeinde jedem der 13 Opfer des Naziterrors mit einem persönlichen Stolperstein seinen Namen zurück. Die 2. Stolpersteinverlegung fand am Donnerstag, 21. November 2013 in Jugenheim statt. Die 3. Stolpersteinverlegung fand am 16. November 2014 in Seeheim und Jugenheim statt. Es wurden an diesem Tag 16 Stolpersteine verlegt.


Erich Rosenfeld am 7. November 2016 in Nashville/Tennessee/USA verstorben

Am 10. November benachrichtigte David Rosenfeld Mitglieder des Runden Tisches „Wider das Vergessen“ über den Tod seines Vaters Erich Rosenfeld.

Erich Rosenfeld ist am 7. November 2016 in seinem Zuhause in Nashville im Alter von 91 Jahren friedlich eingeschlafen – seine Ehefrau, alle 4 Kinder sowie weitere Familienmitglieder konnten bis zuletzt bei ihm sein.

Erich Rosenfeld wurde im Juni 1925 in Seeheim in der heutigen Schloßstraße geboren. Seine Mutter, Emilie Rosenfeld, übergab ihren damals 14-jährigen Sohn Erich dem jüdischen Waisenhaus in Frankfurt, um ihn vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Erich gehörte zu den Kindern, die das Waisenhaus retten konnte. Er erhielt einen Reisepass und wurde im August 1941 mit Hilfe von Hebrew Imigration Aid Society in Berlin in den Zug gesetzt und in einem plombierten Abteil über Lissabon nach Amerika gebracht. Der Zug fuhr auch durch Hessen und hielt in Frankfurt. Der Junge hatte keine Ahnung, wie seine Mutter davon erfahren hat. Emilie Rosenfeld stand in Frankfurt auf dem Bahnsteig und sah dort ihren erst 16-jährigen Sohn Erich zum letzten Mal. Erich Rosenfeld war der letzte Seeheimer Jude, der gerettet wurde.

Im Jahr 2000 besuchte Erich Rosenfeld, der noch bis ins hohe Alter die deutsche Sprache fließend beherrschte, zusammen mit dreien seiner Kinder zum letzten Mal Deutschland. Bei der Stolpersteinverlegung im Jahr 2013 vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie konnte Erich Rosenfeld aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein.

Er wurde aber von seinem Sohn David und dessen Tochter bei diesem sehr bewegenden Moment der Stolpersteinverlegung in Seeheim vertreten – allen Beteiligten wird diese Begegnung mit der Familie Rosenfeld unvergessen bleiben und viele der damals entstandenen Kontakte von Bürgerinnen und Bürgern unserer Gemeinde zur Familie Rosenfeld werden auch weiterhin intensiv gepflegt.

Bürgermeister Olaf Kühn, alle Aktiven der Seeheim-Jugenheimer Stolpersteinverlegungen, die politischen Vertreter sowie Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Seeheim-Jugenheim drücken der Familie Rosenfeld ihr tiefes Mitgefühl zum Tod von Erich Rosenfeld aus.

Die Geschichte der Familie Rosenfeld sowie ihr Schicksal werden uns unvergessen und immer Verpflichtung bleiben.


Texte + Bilder 1. Stolpersteinverlegung, 10. April 2013 in Seeheim

Dr. Arthur Mayer und Marguerite Mayer, Albert Schweitzer Straße 6, Seeheim
Familie Rudolf Mayer, Darmstädter Straße 3, Seeheim
Familie Emilie Rosenfeld, Schloß-Straße 8, Seeheim
Flyer Wider das Vergessen – 1. Stolpersteinverlegung (PDF-Datei, 1,7 MB)

Pressemeldungen 1. Stolpersteinverlegung

Stolpersteine erinnern Seeheims jüdische Nazi-Opfer

Veröffentlicht am 16. April 2013

04.2013 Stolperstein-Verlegung„Mit der Verlegung von Stolpersteinen wollen wir die Erinnerung an die Opfer der Nazi-Herrschaft wach halten“ betont Bürgermeister Olaf Kühn in seiner Ansprache dieser erstmaligen Form des Gedenkens in der Bergstraßengemeinde. Am Mittwoch vergangener Woche haben sich über 200 Menschen vor der Hausnummer 6 in der Albert-Schweitzer-Straße versammelt. Sie sind gekommen, um dem Arzt Dr. Arthur Mayer und seiner Frau Marguerite sowie elf weiteren jüdischen Opfern zu gedenken. Unter ihnen sind David und Tamara Rosenfeld, Sohn und Enkelin von Eric Rosenfeld, an den ebenfalls an Stein erinnert.

Rathauschef Kühn erinnert daran, dass vor 80 Jahren die Nazis an die Macht kamen, Bücher von Schriftstellern verbrannt wurden, das Konzentrationslager Dachau errichtet wurde, jüdische Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert, jüdische Bürger aus dem Staatsdienst geworfen und die Gewerkschaften verboten wurden.

Währenddessen lässt der Kölner Künstler Gunter Demnig, der diese Gedenkform erdacht hat, die zwei Steine in den Gehweg ein. An der Oberseite tragen sie eine Messingplatte, auf der die Namen, die Geburtsdaten, das Todesdatum und der Todesort sowie die Angabe zum Schicksal mit der Hand eingeschlagen sind. Fünfzehnjährige Schüler vom Schuldorf Bergstraße verlesen die Biografien der Opfer. Soweit vorhanden zeigen großformatige Fotos die Menschen, die misshandelt, ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden.

Der Arzt Arthur Mayer behandelte viele mittellose Seeheimer kostenlos, verteilte an den Weihnachtstagen Pakete an Bedürftige und engagierte sich als Sozialdemokrat für das Wohl der Gemeinde. Unterstützt wurde er von seiner Marguerite.

Pfarrer Joachim Dietermann leitet zu den drei Verlegestellen. Vor dem Haus Nummer 3 in der Darmstädter Straße werden Stolpersteine für Rudolf, Ludwig, Lina, Nathan und Frieda Mayer sowie für Bella Maas verlegt.

Anschließend geht es zur Schloßstraße 8. Hier fließen Tränen. Denn an dieser Stelle werden Steine für Max Mayer, Emilie, Hermann, Herbert und Erich Rosenfeld in das Pflaster gesetzt.

Emilie Mayer, die Mutter von Eric Rosenfeld, konnte ihren Sohn mit einem Kindertransport nach London retten. Der 92-jährige lebt heute in den USA. Altersbedingt kann er an der Veranstaltung nicht teilnehmen. Dafür spricht sein Sohn, der eigens auf Einladung der Gemeinde aus San Francisco gekommen ist.

„Es darf nicht wieder passieren“, sagt er und dankt den Bürgern, Spendern und den Mitgliedern vom kommunalen Runden Tisch „Wider das Vergessen“ für ihren Einsatz gegen Rassismus, Menschenverachtung und Antisemitismus.

Wie wichtig es ist, „die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust nicht zu den Akten zu legen“, so Kühn, zeigen die nachts zuvor an zwei Stellen in der Darmstädter Straße aufgebrachten Schmierereien, die dieses Gedenken verunglimpfen. Klezmer Musik gesungen und gespielt von Pfarrerin Monika Bertram und zwei Musiken umrahmt würdevoll die Veranstaltung.

Die nächste Verlegung ist im Spätherbst in Jugenheim geplant.


Texte + Bilder 2. Stolpersteinverlegung, 21. November 2013 in Jugenheim

Moritz Abraham, Hauptstraße 24, Jugenheim
Familie Brodnitz, Hauptstraße 48, Jugenheim
Familie Koppel, Ludwigstraße 15–19, Jugenheim
Flyer Wider das Vergessen – 2. Stolpersteinverlegung (PDF-Datei, 1,9 MB)

Pressemeldungen 2. Stolpersteinverlegung

Angehörige kommen zur Stolpersteinverlegung

Veröffentlicht am 4. November 2013

„Wider das Vergessen – Ständige Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus“, diesen Geschichtsauftrag hat sich die Gemeinde gegeben. Als Teil der Gedenkkultur lässt sie „Stolpersteine“ verlegen. Am 21. November (Donnerstag) ist die zweite Verlegung in der Gemeinde geplant. Insgesamt elf Steine sollen in Jugenheim in der Ludwigstraße 15 – 19 sowie in der Hauptstraße 24 und 48 in den Gehweg eingelassen werden. Aus England kommen vier Angehörige der Familie Brodnitz, für die Steine verlegt werden.

Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig haben sich zu einem europaweiten Mahnmal entwickelt. Auf den Messingplatten stehen die Lebensdaten der Opfer an dem Ort ihrer letzten frei gewählten Wohnung.

Bürgermeister Kühn erinnert daran, dass sich im Jahr 2013 zwei bedeutsame deutsche Geschichtsereignisse jähren: Vor 80 Jahren errichteten die Nationalsozialisten ihre Diktatur und vor 75 Jahren wüteten sie mit Brand und Mord in der Reichspogromnacht.


Fensterscheiben im Rathaus mit „Stolpersteinen“ eingeworfen

Veröffentlicht am 8. November 2013

11.2013 Rathausfenster eingeworfen 2

In der Nacht zum Freitag (8.11.) haben unbekannte Täter zwei Fensterscheiben im Erdgeschoss des Rathauses in der Schulstraße 12 mit gestohlenen Gedenksteinen zerschlagen. Die Tat wurde am frühen Morgen des 8.11. von Mitarbeitern der Gemeindeverwaltung entdeckt und der Polizei gemeldet.

11.2013 Rathausfenster eingeworfen 1Bei den beiden Gedenksteinen, die nach dem Fenstereinwurf im Rathaus-Flur gefunden wurden, handelte es sich nicht um in Seeheim-Jugenheim verlegte „Stolpersteine“.  Die als Wurfgeschosse verwendeten Stolpersteine stammen vermutlich aus einem Diebstahl in einer anderen Landkreis-Kommune. Die Höhe des Schadens wird im Seeheim-Jugenheimer Rathaus auf etwa 1.500 € beziffert.

Bürgermeister Olaf Kühn reagierte entsetzt auf diese abscheuliche Tat und vermutet, dass sie eine Reaktion ist auf die derzeit vom Gemeindevorstand und dem Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung  gezeigte Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsradikalismus bekämpfen“. Diese Ausstellung ist noch bis 15. November im Foyer des neben dem Rathaus gelegenen Verwaltungsgebäudes am Georg-Kaiser-Platz 3 zu sehen.

Laut Bürgermeister Kühn ist diese Tat nicht die erste Aktion mit vermutlich rechtsradikalem Beweggrund. So gingen im Rathaus bereits mehrfach anonyme Drohungen aus der rechten Szene ein. Außerdem gab es wiederholt Schmierereien vor dem Hintergrund der Verlegungen von Gedenksteinen in der Kommune.

Die Gemeinde Seeheim-Jugenheim hat es sich zum ständigen Auftrag gemacht hat, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. In diesem Zusammenhang wurden im April 2013 die ersten Gedenksteine im Ortsteil Seeheim verlegt.

Am 21. November wird der Künstler Gunter Demnig diese Stolpersteinverlegung zur Erinnerung an verfolgte jüdische Bürger im Ortsteil Jugenheim fortsetzen.

Auf dem Hintergrund dieser neuen, vermutlich dem rechtem Spektrum zuzuordnenden Taten und dem morgigen Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Brand- und Mordanschläge in der Reichspogromnacht vor 75 Jahren bittet der Bürgermeister umso mehr um aktive Teilnahme an den Veranstaltungen zur Erinnerung an die Opfer dieser Verbrechen.


Weitere Stolpersteine für jüdische Nachbarn – Verlegung kleiner Denkmale in Jugenheim

Veröffentlicht am 12. November 2013

„Hier wohnte…“ so beginnt die Inschrift auf den Stolpersteinen, die an Juden und weitere Verfolgte des NS-Regimes erinnern. Zum zweiten Mal verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig im Rahmen seines Erinnerungsprojektes am Donnerstag (21.) in der Bergstraßengemeinde Stolpersteine. Die Verlegung in Jugenheim beginnt um 15 Uhr vor dem Anwesen Ludwigstraße 15 – 19. Anschließend werden Steine vor den Anwesen Hauptstraße 24 und 48 in den Gehweg eingelassen. Um die Inschrift, die den Vornamen und Familiennamen, das Geburtsjahr, den Deportationsort und das Deportationsjahr sowie Angaben zum Schicksal aufführt, lesen zu können, muss man sich verbeugen.

„Wider das Vergessen – Ständige Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus“, lautet der Auftrag, den die Gemeindevertretung der Gemeinde gegeben hat. Zusammen mit den Bürgern vom „Runden Tisch – Stolpersteine wider das Vergessen“ und der lokalen Organisation Soroptimist International bereitet die Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Gemeindevorstand die Veranstaltung vor.

Nach der Ansprache der ersten Beigeordneten Karin Neipp, verlesen Schüler vom Schuldorf Bergstraße die Lebensläufe der jüdischen Opfer. Danach sprechen Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirchen ein Gebet. Umrahmt wird die Veranstaltung mit Musik. Als Gäste kommen vier Familienangehörige von Opfern. Sie reisen eigens von ihren englischen Wohnorten an. Finanziert werden die Steine mit Spenden von Bürgern.

Familie Koppel

Heinrich KoppelVerlegt werden Steine für Heinrich, Julius, Mathilde, Karl und Irma Koppel. Heinrich Koppel (1870) führte in der heutigen Ludwigstraße die Pension „Sandmühle“. Sein Sohn Julius und dessen Frau Mathilde übernahmen die Pension, konnten sie aber aufgrund der NS-Gesetze nicht mehr halten. Sie wurden im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Vater Heinrich wurde im Vernichtungslager Treblinka umgebracht. Sein Sohn Karl verlor seine kassenärztliche Zulassung als Zahnarzt und floh mit seiner Frau Irma in die USA.

Familie Brodnitz

Siegfried BrodnitzDer Facharzt für Chirurgie Siegfried Brodnitz (1866) verlor gleich zu Beginn der Nazi-Diktatur seinen Arbeitsplatz und wenig später auch die Erlaubnis zur Ausübung seines Berufes. Zusammen mit seiner Frau Ottilie wurde er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Ihre jüngste Tochter Marta, die zuletzt als Krankenschwester in Frankfurt arbeitete, wurde nach Raasiku in Estland deportiert und getötet. Der Sohn Peter floh nach England und fiel als Soldat in Italien im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die ältere Tochter Louise war Dolmetscherin. Mit ihrem Mann, dem Chemiker Heinrich Türck, konnte sie sich mit ihrer Familie in England in Sicherheit bringen.

Moritz Abraham

Der arme Kleinwarenhändler Moritz Abraham (1882) wurde von den NS-Bürokraten diskriminiert. Bereits 1938 wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Dort wurde er gequält und schikaniert. Nach seiner Entlassung wurde er rund drei Jahre später erneut verhaftet und nach Piaski im besetzten Polen deportiert. Von hier aus wurden die Häftlinge in die Todeslager gebracht und ermordet.

Bürgermeister Olaf Kühn und die Mitglieder vom Runden Tisch bitten angesichts der mit gestohlenen Stolpersteinen aus einer Nachbarkommune eingeworfenen Fenster des Rathauses, dass viele Bürger an der Stolpersteinverlegung teilnehmen. Diese Tat wurde vermutlich von rechtsextremistischen Personen begangen. Zum Anlass könnten sie die Ausstellung gegen Rechtsextremismus vom Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung, die derzeit im Rathaus gezeigt wird, und den 75. Jahrestag der Reichspogromnacht genommen haben.


Lichterglanz gegen rechten Hass

Veröffentlicht am 23. November 2013. Den Artikel von Echo-Online finden Sie hier (externer Link).


Stolpersteine erinnern an jüdische NS-Opfer

Veröffentlicht am 27. November 2013

11.2013 Stolperstein-Verlegung in Jugendheim 1Rund 400 Menschen waren am vergangenen Donnerstag zur Jugenheimer Ludwigstraße 19 gekommen, um die Verlegung von Stolpersteinen mitzuerleben. 11 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bei der zweiten Stolperstein-Verlegung der Gemeinde in die Gehwege eingelassen.

Fünf Steine erinnern an Heinrich, Julius, Mathilde Karl und Irma Koppel. Vor dem Anwesen Hauptstraße 48 erinnern Steine an Siegfried, Ottilie, Marta und Peter Brodnitz sowie an Louise Türck, geborene Brodnitz. An Moritz Abraham wird vor dem Anwesen Hauptstraße 24 gedacht.

Mehr als 44.000 Stolpersteine hat Gunter Demnig europaweit verlegt. Eine so große Teilnehmerzahl wie in Jugenheim hat er bisher nicht erlebt. Jüdische Musik von der Evangelischen Kirche Jugenheim umrahmte die Veranstaltung. Schüler vom Schuldorf Bergstraße verlasen die Lebensläufe der Opfer.

11.2013 Stolperstein-Verlegung in Jugendheim 3Aus England waren eigens die Kinder von Louise Türck – Doris, Ruth und Walter – angereist. Der Mutter war 1939 mit ihrer jungen Familie die Flucht gelungen. Nazi-Schergen ermordeten später ihre Eltern und ihre Schwester Marta.

„Die Verlegung der Stolpersteine für unsere Angehörigen ist eine wundervolle Geste für uns Überlebende“, sagte Walter Türck auch im Namen seiner Schwestern. „Er sei Engländer, so dass er an eine Rückkehr nach Jugenheim nie gedacht hätte“, erzählte er. „Seit 1951 sind wir häufig zu Gast hier, haben unsere lebenden Verwandten und Freunde besucht und die Entwicklung der Gemeinde mit großem Interesse verfolgt“.

„Es war Ziel der Nationalsozialisten, diesen Menschen die Persönlichkeit und die Würde zu nehmen. Sie wollten ihre Identität auslöschen. In den Konzentrationslagern wurden sie zu  Nummern gemacht. Nummern, die in die Haut eingebrannt wurden. Nichts, gar nichts sollte Zeugnis ablegen von ihrer Existenz. Die Stolpersteine sind ein wichtiger Beitrag, dass  die Nazis ihr Ziel nicht erreicht haben“ erklärte Bürgermeister Olaf Kühn in seiner Ansprache.

80 Jahre nach Hitlers Machtergreifung und 75 Jahre nach der Pogromnacht am 9. November 1938 sei es Zeit, mit diesen kleinen Denkmalen an die früheren Bürger und Nachbarn zu erinnern.

11.2013 Stolperstein-Verlegung in Jugendheim 2

Rathauschef Kühn verurteilte die Würfe mit gestohlenen Stolpersteinen auf die Fenster des Rathauses. „Diese treffen alle demokratisch gesinnten Menschen“, betonte er und berichtete, „dass es eine große Welle der Solidarität mit der Gemeinde gebe“. „Wir treten gegen den braunen Mob an, aber auch gegen die Gesinnung, dass man einen Schlussstrich unter das Erinnern ziehen soll. Dann haben die Opfer nämlich keine Stimme mehr“, sagte Kühn.

Besonders hob er das Engagement der Schüler vom Schuldorf hervor, die am Abend nach der Verlegung eine Lichterkette organisiert hatten. An dieser Demonstration gegen rechten Hass nahmen so viele Menschen teil, dass die Menschenkette von der Hauptstraße bis weit über die Ludwigstraße reichte.

Joachim Dietermann, der die Veranstaltung moderierte, kündigte die nächste Stolpersteinverlegung für Mai kommenden Jahres in Seeheim und die Ausstellung „Der Alltag jüdischer Kinder während des Holocausts“ im Januar im Rathaus an.


Wieder fliegen Stolpersteine ins Rathaus

Veröffentlicht am 22. Januar 2014

01.2014 Rathausfenster eingeworfenZum zweiten Mal haben unbekannte Täter in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (22.) Stolpersteine in Rathausfenster geworfen. Betroffen sind zwei Büros neben dem Haupteingang. Die Tatzeit liegt zwischen Mitternacht und 5 Uhr. Beschädigt wurden außer den Fenstern Mobiliar und Gastgeschenke aus den Partnerstädten.

Nach ersten Ermittlungen der Kriminalpolizei in Darmstadt handelt es sich bei den zwei Gedenksteinen um die Erinnerungsmale, die in der Nacht zum 7. November vergangenen Jahres kurz nach ihrer Verlegung in Weiterstadt-Gräfenhausen von noch unbekannten Tätern aus dem Gehweg entwendet wurden. Die Steine erinnern an Juden, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden.

Bereits in der Nacht zum 8. November vergangenen Jahres wurde das Rathaus Stolpersteine attackiert. Diese waren im November 2012 in Griesheim gestohlen worden.

In beiden Fällen wurden im Rathaus der Bergstraßengemeinde Ausstellungen zum Holocaust gezeigt. Deshalb vermutet man in der Gemeindeverwaltung und bei der Polizei, dass die Täter aus dem rechten Milieu stammen. Fünf der in Gräfenhausen gestohlenen Steine dürften sich noch im Besitz der Täter befinden.

Bürgermeister Olaf Kühn bittet die Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, sich unter der Telefonnummer 06151/9690 mit der Kriminalpolizei in Darmstadt (ZK 10) zu melden.


Texte + Bilder 3. Stolpersteinverlegung, 16. November 2014 in Seeheim + Jugenheim

Ada Brodnitz, Zwingenberger Straße 20, Jugenheim
Familie Auguste Frank, Darmstädter Straße 7, Seeheim
Milton und Hedwig Mayer, Darmstädter Straße 9, Seeheim
Familie Sally Mayer, Kirchstraße 1, Seeheim
Dr. Julius Sachse, Alsbacher Straße 34, Jugenheim
Familie Schneider, Schloss-Straße 24, Seeheim
Familie Silber, Mühltalstraße 5, Seeheim

Pressemeldungen 3. Stolpersteinverlegung

Gemeinde verlegt 16 neue Stolpersteine

Veröffentlicht am 14. November 2014

An weiteren sieben Orten werden in Seeheim und Jugenheim am Sonntag (16. November) wieder Stolpersteine verlegt. Sechszehn Steine erinnern an jüdische Opfer, die von den Nationalsozialisten verfolgt, gequält, deportiert, ermordet, zur Flucht oder Auswanderung getrieben. Die Verlegung beginnt um 14 Uhr vor dem Historischen Rathaus, Ober-Beerbacher-Straße 1, anschließend geht es weiter zur Schloßstraße 24. Der zweite Teil der Verlegung ist vor den Häusern Zwingenberger Straße 20 und Alsbacher Straße 34 in Jugenheim.

Schüler des Schuldorfes Bergstraße verlesen die Biografien der Opfer. An der Zeremonie beteiligt sind Bürgermeister Olaf Kühn, Rabbiner Andrew Steiman von der Budge-Stiftung aus Frankfurt, Pfarrer Martin Kleespieß und Ulla Becker von der Katholischen Kirchengemeinde sowie die Evangelischen Pfarrer Monika Bertram und Hans Peter Rabenau. Musikalische Beiträge leisten Monika Bertram, Felix Schmidt und Christian Kessler. Die Moderation hat Hans Josef Runde.

Getragen wird die Stolpersteinverlegung vom Runden Tisch „Wider das Vergessen von NS-Opfern“ und der Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Gemeindevorstandes, dem Arbeitskreis Ökumene Seeheim-Jugenheim sowie von Soroptimist International Seeheim-Jugenheim.

Auguste Frank wohnte in der Darmstädter Straße Nummer 7. Das Ehepaar Milton und Hedwig Mayer betrieb in der Darmstädter Straße Nummer 9 einen Futtermittelhandel. Im Jahr 1933 erließen die Nazis einen Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte. Das Paar fühlte sich immer häufiger judenfeindlichen Belästigungen ausgesetzt und zog deshalb 1938 nach Frankfurt am Main. Am 7. November 1938 wurde Milton Mayer verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verschleppt. Nach seiner Entlassung flohen die Eheleute über Holland in die USA.

Sally Mayer lebte mit seiner Frau Klementine und den Töchtern Inge und Ruth in der Kirchstraße 1. Gegenüber in der Mühltalstraße 5 sorgte die alleinerziehende Cäcilie Silber für ihre Kinder Manfred und Gerdi. Die Nazis bewirkten, dass die Mutter ihren Arbeitsplatz im Hotel Hufnagel verlor und in die USA auswanderte. Ihr Sohn Manfred ging in den Widerstand und kämpfte in Frankreich in der Resistance. 1942 wurde er von den Nazi-Schergen gefasst und in das KZ Auschwitz deportiert. Er überlebte den mörderischen Todesmarsch ins KZ Belsen und wurde 1945 von englischen Soldaten befreit.

In der ehemaligen Synagoge (Schloßstraße 24) wohnte die Familie Willy, Else, Richard und Edith Schneider. Ada Brodnitz betrieb in der Zwingenberger Straße 20 eine Sprachschule.

In der Alsbacher Straße 34 hatte Dr. Julius Sachse sich ein Haus gebaut und wurde vom Deutschen Reich enteignet. Im September 1942 verhafteten die Nazis Dr. Sachse und deportierten ihn in das Konzentrationslager Theresienstadt. Dort wurde er am 30. Dezember 1942 ermordet.

Der Künstler Gunter Demnig, der diese Form der Erinnerung ins Leben rief und durchführt, kommt zum dritten Mal in die Gemeinde. Hier hat er bereits 24 Stolpersteine verlegt. Ein Stein kostet 120 Euro. Gespendet wurden die kleinen Denkmale auf den Gehwegen von Bürgern.


Faltblatt zur Stolpersteinverlegung

Veröffentlicht am 14. November 2014

Zur dritten Stolpersteinverlegung am Sonntag (16. November) hat der kommunale Runde Tisch „Wider das Vergessen“ mit Unterstützung der Seeheim-Jugenheimer Gruppe Soroptimist International ein Faltblatt herausgegeben. Es informiert mit kurzen Lebensläufen über die Schicksale der NS-Opfer Milton und Hedwig Mayer, der Familie Silber und Dr. Julius Sachse, für die jeweils Steine verlegt werden. Erhältlich ist der kostenlose Flyer im Rathaus und in vielen Geschäften.

Die Pressestelle der Gemeinde teilt mit, dass auf Grund eines Hinweises einer Bürgerin Dr. Julius Sachse in der Alsbacherstraße 44 wohnte. In dem Flyer und auf den Plakaten ist die Hausnummer 34 genannt. Nach sofortigen umfangreichen Recherchen der Pressestelle und des Gemeindearchivs konnte jetzt geklärt werden, dass im Jahre 1959 die Hausnummern in dem betroffenen Straßenabschnitt geändert wurden.


Stolpersteine – Kleine Denkmale auf Gehwegen

Veröffentlicht am 24. November 2014

16 Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig am Sonntag in Seeheim und Jugenheim verlegt. Sie erinnern an jüdische ehemalige Einwohner in den Ortsteilen, die von den Nationalsozialisten gequält, erniedrigt, gefoltert, vertrieben und ermordet wurden. Alle hatten ihren letzten freiwilligen Wohnsitz in den beiden Ortsteilen.

Initiatoren der Verlegung waren die Gemeinde, der Runde Tisch „Wider das Vergessen“, die Evangelische und Katholische Kirche sowie die Ortsgruppe Soroptimist International.

11.2014 Stolpersteinverlegung Seeheim und Jugenheim

Rund 400 Bürger nahmen an der Verlegung und Gedenkfeier teil. Verlegt wurden die Steine vor den Anwesen Darmstädterstraße 7 und 9, Kirchstraße 1, Mühltalstraße 5, Schloßstraße 24, Zwingenberger Straße 20 und Alsbacher Straße 44.

Vier Schülerrinnen vom Schuldorf Bergstraße verlasen die Biografien der Opfer. An der Zeremonie, die von Klaus Knoche moderiert wurde, nahmen Bürgermeister Olaf Kühn, Pfarrer Martin Kleespies und Ulla Becker von der Katholischen Kirche sowie Hans-Peter Rabenau von der Evangelischen Kirche Jugenheim mit Ansprachen teil. Musikalisch umrahmte Pfarrerin Monika Bertram von der Evangelischen Kirche Seeheim die Veranstaltung in Seeheim mit ihrer Musikgruppe, die jüdische Lieder spielte. In Jugenheim waren es Felix Schmidt und Christian Kessel mit ihren Blechblasinstrumenten.

Rabbiner Andrew Steiman von der „Henry und Emma Budge –Stiftung“ aus Frankfurt sprach Gedenkworte und Gebete.


Wider das Vergessen

In Seeheim-Jugenheim erinnern drei Mahnmale an die von den Nationalsozialisten ermordeten oder vertriebenen jüdischen und anderen Mitbürgerinnen und Mitbürger:

Der Gedenkstein „Arthur-Mayer-Ruhe“ im Ober-Beerbacher Tal (rechts am Ortsausgang von Seeheim Richtung Ober-Beerbach), eine Gedenktafel am Alten Pfarrhaus in Seeheim (Bergstraße 3) und ein Gedenkstein für die jüdischen Opfer in Jugenheim (Ludwigstraße 15 a). Auch Straßennamen, Plätze und Häuser wie das Pfarrer-Reith-Haus, die Wilhelm-Leuschner-Straße, die Brodnitz-Anlage und die Carlo-Mierendorff-Anlage erinnern an Verfolgte des NS-Regimes.

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus werden in Seeheim und Jugenheim nun zusätzlich „Stolpersteine“ verlegt. Für die Verlegung hat der Gemeindevorstand den Runden Tisch „Wider das Vergessen“ einberufen, der auf Grundlage der von der Gemeinde im Jahr 2012 herausgegebenen Dokumentation „Opfer des Nationalsozialismus in Seeheim-Jugenheim“ arbeitet. Gespendet werden die Stolpersteine von Bürgerinnen und Bürgern. Dafür danke ich allen, die diese Form des Gedenkens ermöglichen. Zur Verlegung erwarten wir den Sohn und die Enkelin von Erich Rosenfeld, dem als Jugendlicher noch die Flucht aus Nazi-Deutschland gelang, der aber aus Altersgründen nicht teilnehmen kann. Ein Stein wird an ihn erinnern.

Mit der Teilnahme an der Veranstaltung unterstützen Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Ziel der Gemeinde, den Opfern ihren Namen zurückzugeben.

Olaf Kühn, Bürgermeister


Spenden für Stolpersteine bitte an:

Gemeindevorstand Seeheim-Jugenheim
Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Schulstraße 12,
64342 Seeheim-Jugenheim

Konto: Gemeinschaftskasse Darmstadt-Dieburg
Konto-Nr.: 548200
BLZ: 508 501 50 (Sparkasse Darmstadt)
Verwendungszweck: 4361163060


Dokumentation:

Die Dokumentation „Opfer des Nationalsozialismus in Seeheim-Jugenheim“ – herausgegeben von der Gemeinde Seeheim-Jugenheim (2012) – ist zum Preis von 15 Euro erhältlich bei der Gemeindeverwaltung, Georg-Kaiser-Platz 3 in 64342 Seeheim-Jugenheim.